Alle Artikel · 21.03.2025 07:30
Frankreich: Missbrauch in katholischen Schulen - Opfer klagen über systematisches Schweigen
Die Mauer des Schweigens beginnt zu bröckeln – aber sie steht noch immer. Bei einer Anhörung vor der Nationalversammlung in Paris machten Betroffene von Missbrauch an katholischen Bildungseinrichtungen in Frankreich ihrem Unmut Luft. Und...
Die Mauer des Schweigens beginnt zu bröckeln – aber sie steht noch immer. Bei einer Anhörung vor der Nationalversammlung in Paris machten Betroffene von Missbrauch an katholischen Bildungseinrichtungen in Frankreich ihrem Unmut Luft. Und sie taten das mit einer Dringlichkeit, die niemanden im Saal kalt ließ.
Im Zentrum steht die sogenannte „Affäre Bétharram“, benannt nach dem Skandal um die Einrichtung Notre-Dame de Bétharram. Dieser Fall hat zahlreiche weitere Zeugnisse ans Licht gebracht – aus Schulen, Internaten und religiösen Institutionen in ganz Frankreich. Was nun ans Tageslicht kommt, ist erschütternd: jahrzehntelange Missbrauchsgeschichten, überdeckt von einem institutionellen Schweigen – sowohl in der Kirche als auch im Staat.
„Man schützt die Institution, nicht das Kind“
Alain Esquerre, Sprecher der Opfergruppe von Bétharram, brachte es auf den Punkt: „Wenn nicht Bürger selbst den Stier bei den Hörnern packen, läuft das System einfach weiter. Und das 'Bloß-keine-Wellen-schlagen'-Prinzip lebt auch 2025 noch.“
Seine Kritik richtete sich dabei nicht nur gegen die Kirche, sondern explizit auch gegen den Staat: gegen versäumte Kontrollen, gegen verharmlosende Reaktionen, gegen ein System, das mehr daran interessiert sei, das Image katholischer Schulen zu wahren, als Kinder zu schützen.
Ein Blick hinter die Kulissen
Die Anhörung fand im Rahmen einer parlamentarischen Untersuchungskommission statt, die nach dem Bekanntwerden der Affäre Bétharram ins Leben gerufen wurde. Mehrere Opfervertreterinnen und -vertreter berichteten in einer emotional aufgeladenen Runde von ihren Erfahrungen – und ihren enttäuschenden Versuchen, Hilfe zu finden.
Bernard Lafitte, der für die Opfer des privaten Collège Notre-Dame du Sacré-Cœur in Dax (Landes) sprach, formulierte es bitter: „Es ist einfach inakzeptabel, dass kirchliche Autoritäten aus unseren Erlebnissen keinerlei Konsequenzen ziehen.“
Zwischen Mitgefühl und Abwehrhaltung
Ein häufiges Muster: Einfühlsame Worte von Bischöfen oder Schulverantwortlichen – gefolgt von Abwehr. Wer Missbrauch thematisiere, greife die Kirche an. Ein Narrativ, das die Opfer seit Jahrzehnten zermürbt. „Das ist nicht unser Kampf!“, so Lafitte. „Wir greifen nicht die Religion an. Wir wollen Schutz, Aufklärung und Gerechtigkeit.“
Auch Constance Bertrand, ehemalige Schülerin der Institution Saint-Dominique in Neuilly-sur-Seine, wurde deutlich: „Die Omertà, dieses Schweigekartell, ist der normale Modus Operandi an vielen katholischen Privatschulen.“ Sie schilderte, wie Beschwerden von Eltern ins Leere liefen, wie Kontrollmechanismen versagten – und wie die Schule ihre Reputation über alles stellte.
Eine Facebook-Gruppe gegen das Vergessen
Anfang März gründeten ehemalige Schüler dieser Schule eine Facebook-Gruppe, um Betroffenen eine Stimme zu geben – ein digitales Mahnmal gegen das Vergessen. Und ein Ort, an dem sich viele zum ersten Mal trauen, ihre Geschichte zu erzählen.
Bertrand bat die Abgeordneten eindringlich: „Bitte lassen Sie das Thema nicht wieder verschwinden.“ Ihre Worte hallten nach – denn sie standen für hunderte, vielleicht tausende weitere, die noch schweigen.
Kampf um Strukturen und Kontrolle
Alain Esquerre schlug konkrete Maßnahmen vor. Eine davon: die Gründung eines „nationalen Amts für Prävention und Kontrolle in Bildungseinrichtungen“ – eine unabhängige Institution, die regelmäßig prüft, erfasst und schützt. Keine halbherzigen Inspektionen mehr, sondern echte Aufsicht. Mit Rückgrat.
Die Notwendigkeit liegt auf der Hand. Aktuell betreut Esquerre 180 offizielle Anzeigen – doch weit mehr Opfer haben sich bei ihm gemeldet, ohne bislang juristisch aktiv zu werden. Der Bedarf nach Unterstützung ist enorm.
Wenn Vertrauen erodiert
Die Vorwürfe wiegen schwer, denn sie treffen den Kern dessen, was Schule sein soll: ein sicherer Ort. Wer Kindern nicht zuhört, wenn sie von Gewalt berichten, versagt in seiner Verantwortung – unabhängig von Träger, Glaube oder politischem Lager.
Dass auch staatliche Stellen über Jahre hinweg tatenlos blieben, macht das Bild noch düsterer. Es zeigt, wie tief das Problem reicht. Und dass es ein gesamtgesellschaftliches Versagen ist, das dringend Aufarbeitung braucht.
Hilfe ist da – aber sie muss genutzt werden
Inmitten all dieser Berichte gibt es wenigstens eines, das Hoffnung macht: die wachsende Sichtbarkeit des Themas. Die Möglichkeit für Betroffene, Hilfe zu suchen, wurde erweitert – unter anderem durch die rund um die Uhr erreichbare Notfallnummer 119 (www.allo119.gouv.fr), auch per Chat oder Textnachricht. Ein diskreter, aber lebenswichtiger Anlaufpunkt für Kinder in Not – und für Erwachsene, die nicht wegschauen wollen.
Denn klar ist: Wer schützt, muss zuerst zuhören.
Von C. Hatty