À la une · 23.03.2025 10:03
Frankreich rüstet die Zivilgesellschaft auf – Ein Überlebenshandbuch für den Ernstfall
Frankreich plant die flächendeckende Verteilung eines 20-seitigen Überlebenshandbuchs an alle Haushalte, um die Bevölkerung auf mögliche Krisensituationen vorzubereiten. Das Dokument, das in seiner Sprache nüchtern und sachlich gehalten ist, umfasst insgesamt 63 praktische Empfehlungen...
Frankreich plant die flächendeckende Verteilung eines 20-seitigen Überlebenshandbuchs an alle Haushalte, um die Bevölkerung auf mögliche Krisensituationen vorzubereiten. Das Dokument, das in seiner Sprache nüchtern und sachlich gehalten ist, umfasst insgesamt 63 praktische Empfehlungen – von der Anlage eines Notfallvorrats bis zur aktiven Beteiligung am Zivilschutz. Angesichts internationaler Spannungen, wachsender Sicherheitsbedenken und wachsender Klimarisiken signalisiert der französische Staat damit einen Paradigmenwechsel in seiner Sicherheitsarchitektur: Der Schutz des Landes wird zunehmend als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden.
Eine Anleitung zur Resilienz
Das sogenannte "Guide de Résilience" gliedert sich in drei Hauptbereiche: Selbstschutz, Verhalten im Alarmfall und gesellschaftliche Beteiligung. Die Empfehlungen basieren auf Szenarien wie Naturkatastrophen, Industrieunfällen, Cyberattacken oder bewaffneten Konflikten. Schon der erste Teil zeigt, dass das Handbuch mehr sein will als bloß ein behördlicher Merkzettel: Bürger werden ermutigt, Vorräte für mindestens drei Tage anzulegen, darunter sechs Liter Wasser pro Person, haltbare Lebensmittel, Batterien, eine Taschenlampe, Medikamente und Verbandsmaterial. Darüber hinaus sollen wichtige Telefonnummern analog notiert und stets griffbereit sein.
Im zweiten Teil geht es um das Verhalten in akuten Krisenlagen. Was ist bei einer Evakuierung zu tun? Wie reagiert man bei einem nuklearen Zwischenfall? Die Empfehlungen orientieren sich an klaren Handlungslinien: Türen und Fenster schließen, auf Anweisungen der Behörden warten, Notrufnummern nicht blockieren. Schließlich widmet sich das Handbuch der gesellschaftlichen Mobilisierung: Bürger werden aufgerufen, sich für den Reservedienst zu melden, freiwilligen Hilfsorganisationen beizutreten oder Nachbarschaftshilfe zu organisieren.
Die Rückkehr der zivilen Verteidigung
Die Idee zu einem solchen Leitfaden ist nicht neu. In den nordischen Ländern – insbesondere in Schweden – gehört es bereits seit Jahren zur Sicherheitsstrategie, die Bevölkerung umfassend über mögliche Gefahren und adäquates Verhalten zu informieren. Frankreich nimmt damit ein Modell auf, das sowohl an den Kalten Krieg erinnert als auch an die jüngsten Erfahrungen der Corona-Pandemie und der Klimakatastrophen anknüpft. Ursprünglich 2022 unter dem Eindruck der Pandemie initiiert, erhält das Projekt nun eine neue Dringlichkeit.
Präsident Emmanuel Macron sprach in einer vielbeachteten Fernsehansprache offen von der Notwendigkeit, „den Geist der Wehrhaftigkeit“ zu stärken. Der Hintergrund: die wachsende Bedrohung durch Russland, die zunehmenden geopolitischen Spannungen in Osteuropa und eine allgemeine Erosion der sicherheitspolitischen Gewissheiten. Verteidigungsminister Sébastien Lecornu kündigte eine Aufstockung der Reservekräfte von derzeit 45.000 auf 105.000 an – eine markante Verschiebung der Prioritäten innerhalb der nationalen Sicherheitsstrategie.
Militarisierung durch die Hintertür?
Doch nicht nur die Streitkräfte werden aufgestockt – auch die Zivilgesellschaft soll stärker eingebunden werden. Eine der auffälligsten Maßnahmen: die Reform des freiwilligen Zivildienstes „Service National Universel“ (SNU) und die Einführung eines verpflichtenden „Bürgertags“ für Jugendliche. Die von vielen Franzosen befürwortete Wiedereinführung der Wehrpflicht – laut Umfragen 86 Prozent Zustimmung – wird aus Kostengründen vorerst nicht umgesetzt. Dennoch setzt die Regierung ein deutliches Zeichen: Auch jenseits militärischer Strukturen soll die Bereitschaft zur kollektiven Gefahrenabwehr gestärkt werden.
Zur Finanzierung der wachsenden Verteidigungsausgaben zieht die Regierung ungewöhnliche Wege in Betracht. Eine spezielle Lebensversicherung soll eingeführt werden, mit deren Beiträgen der Verteidigungshaushalt mitgetragen werden könnte. Kritiker sprechen bereits von einer „Versicherung für den Ernstfall“ – einem Konzept, das nicht nur finanziell, sondern auch ideologisch das Verhältnis zwischen Staat und Bürger neu definiert.
Zwischen Vorsorge und Angstpolitik
Die französische Regierung betont, dass das Handbuch nicht allein auf Kriegs- oder Terrorlagen abzielt. Vielmehr soll es auch bei Naturkatastrophen, Stromausfällen oder industriellen Havarien Orientierung bieten. Dennoch bleibt die Botschaft im Kern eindeutig: Der Staat allein kann keine umfassende Sicherheit garantieren – jeder Einzelne muss vorbereitet sein.
Diese Botschaft trifft einen Nerv in der Bevölkerung. Angesichts des Ukrainekriegs, der Angriffe auf kritische Infrastruktur in Europa und der Erinnerungen an die Gelbwestenproteste wächst das Bewusstsein für die Fragilität öffentlicher Ordnung. Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die eine übertriebene Alarmierung befürchten. Der französische Soziologe Michel Wieviorka warnte jüngst vor einer „Politik der permanenten Bedrohung“, die das Vertrauen in staatliche Institutionen untergraben könnte.
Wie das Handbuch in der Bevölkerung aufgenommen wird, bleibt abzuwarten. Entscheidend dürfte sein, ob es als nützliches Werkzeug zur Selbstermächtigung wahrgenommen wird – oder als Ausdruck einer neuen Unsicherheit. Klar ist: Die französische Regierung setzt auf eine umfassende Kultur der Resilienz, in der jeder Bürger nicht nur Empfänger staatlicher Fürsorge, sondern aktiver Teil einer wehrhaften Gesellschaft sein soll.
Autor: P. Tiko
Quellen: