Alle Artikel · 14.05.2025 04:58
Frankreich streicht den "Code noir" – ein längst überfälliger Schritt gegen das koloniale Erbe
Ein Gesetz aus dem Jahr 1685, das einst das Fundament für die gesetzlich geregelte Sklaverei in den französischen Kolonien bildete, soll nun – fast vier Jahrhunderte später – offiziell aufgehoben werden. François Bayrou, Premierminister...
Ein Gesetz aus dem Jahr 1685, das einst das Fundament für die gesetzlich geregelte Sklaverei in den französischen Kolonien bildete, soll nun – fast vier Jahrhunderte später – offiziell aufgehoben werden. François Bayrou, Premierminister Frankreichs, kündigte diesen symbolischen, aber gewichtigen Schritt am 13. Mai 2025 in der Nationalversammlung an. Die Nachricht schlug ein wie ein Donnerschlag. Viele waren überrascht – nicht nur von der geplanten Abschaffung, sondern auch von der Tatsache, dass dieser juristische Anachronismus überhaupt noch Bestand hatte.
Ein Relikt des Unrechts
Der sogenannte Code noir – wörtlich übersetzt: „Schwarzer Kodex“ – wurde 1685 unter Ludwig XIV. erlassen. Er legte fest, wie Sklaven in den französischen Kolonien behandelt werden sollten, welche Rechte ihre Besitzer hatten und welche Pflichten die Versklavten erfüllen mussten. Das Dokument, ein Inbegriff kolonialer Gewalt, fand Anwendung unter anderem in Guadeloupe, Martinique, Saint-Domingue (heute Haiti) und Guyana.
Obwohl die Sklaverei in Frankreich bereits 1848 endgültig abgeschafft wurde – maßgeblich durch das Engagement von Victor Schœlcher – ist der Code noir nie formell aufgehoben worden. Ein kaum bekanntes Detail, das nun endlich korrigiert werden soll.
Warum gerade jetzt?
Der Impuls zur formellen Abschaffung kam von einer scheinbar simplen Frage des Abgeordneten Laurent Panifous (LIOT) während einer Fragestunde im Parlament. François Bayrou gestand offen, dass ihm diese juristische Altlast bislang unbekannt war. Seine Antwort: „Wenn der Code noir nicht 1848 abgeschafft wurde, dann muss er es jetzt werden.“
Ein Satz, der hängen bleibt – und ein Zeichen für eine Politik, die nicht vor unbequemen Wahrheiten zurückschreckt.
Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Erst wenige Tage zuvor, am 10. Mai, gedachte Frankreich im Rahmen des nationalen Gedenktages der Opfer der Sklaverei. Bayrou sprach von der „grausamen und monströsen Geschichte“ der Versklavung. Der Code noir ist das juristische Symbol dieser Geschichte – seine Abschaffung wäre ein Befreiungsschlag für die republikanische Erinnerungskultur.
Ein juristisches Gespenst
Man könnte meinen: Ein über 300 Jahre altes Gesetz, längst ohne praktische Wirkung, braucht keine offizielle Aufhebung mehr. Doch genau das ist der Punkt: Symbole sind mächtig – besonders in einem Land wie Frankreich, das sich seit jeher über seine republikanischen Werte definiert. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wie passt ein Gesetzestext, der Menschen zu Besitz degradiert, in diesen Kanon?
Ganz klar: gar nicht.
Deshalb will Bayrou mit einem neuen Gesetz klarstellen, dass Frankreich auch formal mit dieser dunklen Vergangenheit bricht. Ein symbolischer Akt – aber mit enormer Strahlkraft.
Einigkeit im Parlament?
Bayrou hofft auf breite Zustimmung im Parlament. Ein einstimmiger Beschluss wäre ein starkes Signal. Ein nationales „Ja“ zur historischen Verantwortung – und ein „Nie wieder“ gegenüber systematischer Entrechtung.
Die Chancen stehen nicht schlecht. In einer Zeit, in der Frankreich mit gesellschaftlichen Spannungen, Identitätsdebatten und dem Erstarken nationalistischer Strömungen ringt, könnte dieses Vorhaben zu einem gemeinsamen Nenner werden. Ein seltenes Beispiel politischer Einigkeit – getragen von dem Wunsch, das kollektive Gedächtnis zu heilen.
Mehr als Symbolpolitik
Natürlich: Niemand wird durch die Abschaffung des Code noir plötzlich mehr Rechte bekommen. Kein Leben wird dadurch gerettet, kein Unrecht rückgängig gemacht. Und doch – dieser Schritt ist wichtig. Weil er eine Lücke schließt, die nie hätte entstehen dürfen. Weil er eine klare Botschaft sendet: Frankreich kehrt seiner kolonialen Verklärung den Rücken.
Denn wer erinnert, handelt.
Vielleicht öffnet dieser Akt auch Türen. Für eine breitere Auseinandersetzung mit Frankreichs kolonialem Erbe. Für Bildungsinitiativen, Gedenkstätten, neue Formen der Erinnerung. Für eine Zukunft, die ihre Vergangenheit nicht ausblendet.
Und jetzt?
Wird der Code noir bald nur noch in Geschichtsbüchern auftauchen? Das wäre zu hoffen. Doch es bleibt eine Frage, die sich alle stellen sollten:
Warum hat es über 175 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei gedauert, bis jemand überhaupt auf die Idee kam, dieses Gesetz formell zu streichen?
Ein Denkanstoß – und vielleicht der Anfang einer längst fälligen Debatte.
Von C. Hatty