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Alle Artikel · 01.04.2025 09:40

Frankreich und Algerien suchen den Neubeginn

Nach Monaten diplomatischer Eiszeit unternehmen Frankreich und Algerien einen neuen Anlauf zur Normalisierung ihrer angespannten Beziehungen. Anlässlich des islamischen Festes Aïd el-Fitr telefonierten die Präsidenten Emmanuel Macron und Abdelmadjid Tebboune am 31. März 2025...

Nach Monaten diplomatischer Eiszeit unternehmen Frankreich und Algerien einen neuen Anlauf zur Normalisierung ihrer angespannten Beziehungen. Anlässlich des islamischen Festes Aïd el-Fitr telefonierten die Präsidenten Emmanuel Macron und Abdelmadjid Tebboune am 31. März 2025 miteinander – ein Gespräch, das von beiden Seiten als „offen und freundlich“ bezeichnet wurde. Ziel ist die Wiederaufnahme des Dialogs, wie er im Rahmen der „Erklärung von Algier“ im August 2022 definiert wurde. Damals hatten sich beide Länder auf eine strategische Partnerschaft verständigt, die seitdem durch geopolitische Differenzen und innenpolitische Spannungen auf eine harte Probe gestellt wurde.

Ein Verhältnis voller Brüche

Die Beziehungen zwischen Paris und Algier sind seit der Unabhängigkeit Algeriens 1962 komplex und von historischen Belastungen geprägt. Doch in den vergangenen Monaten hatten sich die Spannungen nochmals verschärft. Ausschlaggebend war vor allem die französische Entscheidung im Juli 2024, den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara öffentlich zu unterstützen. Für Algerien, das die sahrauische Unabhängigkeitsbewegung Polisario unterstützt und Marokko in der Region als geopolitischen Rivalen betrachtet, war dies ein Affront. Die Reaktion folgte prompt: Der algerische Botschafter wurde aus Paris abgezogen.

Zusätzlich wurde die Beziehung durch sicherheitspolitische Vorfälle belastet. Im Februar 2025 kam es im französischen Mulhouse zu einem Anschlag, verübt von einem algerischen Staatsbürger, der aufgrund einer ausstehenden Abschiebung eigentlich nicht mehr in Frankreich hätte leben dürfen. Die politische Debatte über Migrationspolitik, Integration und Sicherheit wurde dadurch weiter angeheizt – auch mit Blick auf die algerische Regierung, die der Kooperation im Bereich Rückführungen zuletzt nur zögerlich nachkam.

Gesten der Annäherung

Vor diesem Hintergrund ist das Telefongespräch zwischen Macron und Tebboune ein bemerkenswerter Schritt. Macron lobte ausdrücklich die „Klarheit“ seines Amtskollegen und rief zu einem Zeichen der Humanität im Fall des Schriftstellers Boualem Sansal auf. Sansal, ein französisch-algerischer Autor, war kürzlich wegen regierungskritischer Äußerungen in Algerien zu fünf Jahren Haft verurteilt worden – ein Urteil, das in Frankreich breite Kritik ausgelöst hatte. Macrons Intervention deutet darauf hin, dass Paris Menschenrechte und Meinungsfreiheit künftig wieder stärker in die bilateralen Gespräche einbringen will, ohne den Dialog zu gefährden.

Zugleich signalisierten beide Seiten den Willen, konkrete politische und sicherheitspolitische Projekte unverzüglich wieder aufzunehmen. Dabei stehen zwei Bereiche im Fokus: die gemeinsame Terrorismusbekämpfung – insbesondere in der Sahel-Zone – sowie eine funktionierende Zusammenarbeit bei Migrationsfragen. Letztere hatte zuletzt unter gegenseitigem Misstrauen gelitten. Frankreich wirft Algerien vor, Rückführungen blockiert zu haben, Algerien wiederum fühlt sich in Sicherheitsfragen übergangen.

Der diplomatische Fahrplan

Bereits am 6. April wird Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot zu Gesprächen mit seinem algerischen Amtskollegen Ahmed Attaf in Algier erwartet. Ziel des Treffens ist es, die bilaterale Kooperation auf eine neue, pragmatische Grundlage zu stellen. Dabei dürften neben sicherheitspolitischen Themen auch wirtschaftliche Fragen zur Sprache kommen: Frankreich bleibt einer der wichtigsten Investoren in Algerien, während Algerien für Frankreich nicht nur als Energielieferant von Bedeutung ist, sondern auch als politischer Stabilitätsanker in Nordafrika.

Eine persönliche Begegnung der beiden Präsidenten ist ebenfalls in Planung, ein genauer Termin wurde jedoch noch nicht bekannt gegeben. Beobachter werten dies als bewusstes Signal: Man will konkrete Fortschritte erzielen, bevor symbolische Treffen inszeniert werden.

Erwartungen und Risiken

Der neuerliche Anlauf zur Annäherung erfolgt in einem internationalen Kontext wachsender Unsicherheiten. Der Krieg in der Ukraine, die Instabilität in der Sahel-Region, Spannungen im östlichen Mittelmeerraum – all dies verlangt von Frankreich eine Neujustierung seiner außenpolitischen Prioritäten, bei der Algerien eine zentrale Rolle spielen könnte. Auch Algerien hat ein Interesse an stabilen Beziehungen zu Paris, nicht zuletzt angesichts der Herausforderungen auf dem heimischen Arbeitsmarkt, der Energiepolitik und einer jungen, teilweise desillusionierten Bevölkerung.

Dennoch bleibt Skepsis angebracht. Die Liste der offenen Fragen ist lang: der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit, der Status der algerischen Diaspora in Frankreich, sowie die künftige Linie Frankreichs im Maghreb-Konflikt zwischen Marokko und Algerien. Jede dieser Fragen birgt politisches Sprengpotenzial – sowohl für Paris als auch für Algier.

Ob der aktuell demonstrierte politische Wille zu mehr Kooperation dauerhaft tragfähig ist, wird sich daran zeigen, wie konkret und verbindlich die geplanten Maßnahmen umgesetzt werden. Historisch gesehen waren französisch-algerische Entspannungsphasen stets fragil und anfällig für Rückschläge. Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, ob es diesmal gelingt, einen nachhaltigen Rahmen für die bilaterale Zusammenarbeit zu schaffen – und ob der Neuanfang mehr ist als ein symbolischer Akt am Rande eines religiösen Feiertags.

Autor: P.T.

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