Alle Artikel · 19.10.2025 10:20
Frankreichs marode Gefängnisse: Zwischen Ratten, Überbelegung und Menschenwürde
Ein Land wie Frankreich – Gründungsnation der Menschenrechte – ringt im Jahr 2025 mit einem Gefängnissystem, das in vielen Teilen aussieht wie aus einer anderen Zeit. Und das nicht im positiven Sinne. Ein neuer...
Ein Land wie Frankreich – Gründungsnation der Menschenrechte – ringt im Jahr 2025 mit einem Gefängnissystem, das in vielen Teilen aussieht wie aus einer anderen Zeit. Und das nicht im positiven Sinne. Ein neuer Bericht der Kontrolleurin für Freiheitsentzug, Dominique Simonnot, hat das Thema erneut ins Licht gerückt. Was dabei zutage tritt, ist mehr als eine schiefe Statik – es ist ein Systemproblem.
135 % Auslastung. In Zahlen gesprochen, heißt das: Zellen für eine Person beherbergen zwei, manchmal sogar drei Insassen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Risse im Mauerwerk – wörtlich wie bildlich
Viele Justizvollzugsanstalten stammen aus dem 19. Jahrhundert, andere wurden in den letzten Jahrzehnten gebaut – allerdings schlecht geplant, fehlerhaft ausgeführt, mangelhaft gewartet. Einige Gebäude sind derart verfallen, dass sie teilweise wegen Einsturzgefahr geschlossen werden mussten.
In den Zellen? Ratten, Kakerlaken, Bettwanzen. Duschen, die nicht funktionieren, Klos ohne Türen, kaputte Elektrik, versiffte Belüftungsschächte. Das ist keine Überspitzung – das sind Fakten aus offiziellen Inspektionsberichten. Die Kontrolleurin spricht von Zuständen, „die die Menschenwürde verletzen“. Und das tut weh, wenn man es ernst nimmt.
Ein Teufelskreis aus Überfüllung und Verfall
Die Überbelegung sorgt dafür, dass sich Menschen auf engstem Raum aneinanderreiben. Die Stimmung? Gereizt, angespannt, manchmal explosiv. Wenn drei Menschen für zwei Quadratmeter kämpfen müssen, bleibt wenig Raum für Rückzug, Hygiene oder Ruhe. Konflikte sind vorprogrammiert – und das Personal am Limit.
Gleichzeitig nutzt die Überbelegung die ohnehin maroden Gebäude weiter ab. Türen schlagen aus dem Rahmen, Wasserrohre platzen, Schimmel breitet sich aus. Und da fängt der Teufelskreis erst an: Schlechte Bedingungen führen zu Frust, Frust zu Gewalt, Gewalt zu Repression – und das wiederum belastet das System zusätzlich.
Gesundheit? Wird zur Glückssache
Ratten tragen Krankheiten wie Leptospirose. Bettwanzen und Kakerlaken lassen die Haut kribbeln – nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Die hygienischen Bedingungen in manchen Einrichtungen sind derart prekär, dass medizinisches Personal Alarm schlägt.
Und was ist mit den Rechten der Gefangenen? Immerhin gilt auch hinter Gittern: Menschenwürde, körperliche Unversehrtheit, Zugang zu medizinischer Versorgung. Doch was auf dem Papier steht, wirkt angesichts der Realität oft wie Hohn.
Warum wird nichts getan?
Es wird durchaus etwas getan – das sagt zumindest das Justizministerium. Diagnosen werden erstellt, Ausschreibungen für neue Haftplätze veröffentlicht. 3.000 modulare Plätze sollen binnen 18 Monaten entstehen.
Doch viele Fachleute winken ab: Mehr Plätze? Das klingt gut, löst aber nicht das Grundproblem. Frankreich hat zu viele Menschen in Haft – und zu wenig funktionierende Strukturen. Der übermäßige Einsatz von Untersuchungshaft, fehlende Alternativen zur Gefängnisstrafe, schleppende Gerichtsprozesse: All das treibt die Zahlen nach oben. Und wenn dann noch der politische Wille zur umfassenden Sanierung fehlt, bleibt nur das Notpflaster.
Ein Versäumnis mit Folgen
Eine Justizvollzugsanstalt ist kein Hotel. Aber sie ist auch kein Ort, an dem Menschen systematisch in ihrer Würde verletzt werden dürfen. Wer glaubt, das sei nur das Problem „der anderen“, vergisst: Ein dysfunktionales Gefängnissystem strahlt immer in die Gesellschaft zurück.
Die Resozialisierung? Sieht schlecht aus, wenn es keine Bildungsangebote, keine Arbeitsmöglichkeiten, keine Therapie gibt. Wer in einer feuchten Zelle mit Schimmel an den Wänden sitzt, denkt nicht an einen Neuanfang – sondern ans Überleben.
Was also tun?
Frankreich steht an einer Weggabelung. Weiter wie bisher – mit neuen Bauten, die in wenigen Jahren wieder bröckeln? Oder ein echter Neuanfang? Weniger Haftstrafen, mehr Alternativen. Eine klare politische Priorisierung. Und vor allem: der Wille, Gefängnisse nicht als Abstellgleis der Gesellschaft zu betrachten, sondern als Ort, der dem Namen „Justizvollzug“ gerecht wird.
Denn am Ende stellt sich eine einfache, unbequeme Frage:
Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wie sie mit den Menschen umgeht, die sie einsperrt?
Autor: Andreas M. B.