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Alle Artikel · 05.05.2025 09:33

Frankreichs neue Lieblingsfleischsorte: Warum der Poulet-Boom kein Zufall ist

Der Duft von gegrilltem Hähnchen zieht durch Einkaufszentren, Imbissbuden und Familienküchen – und das nicht ohne Grund: In Frankreich hat das bescheidene Hähnchen das Schwein vom Thron gestoßen und ist zur beliebtesten Fleischsorte des...

Der Duft von gegrilltem Hähnchen zieht durch Einkaufszentren, Imbissbuden und Familienküchen – und das nicht ohne Grund: In Frankreich hat das bescheidene Hähnchen das Schwein vom Thron gestoßen und ist zur beliebtesten Fleischsorte des Landes aufgestiegen. Doch hinter dem Erfolg verbirgt sich mehr als nur ein verändertes Konsumverhalten – es ist eine Geschichte über Geschmack, Religion, Wirtschaft und Versorgungsketten.

32 Kilo pro Kopf – und der Appetit wächst weiter

2024 hat jeder Franzose durchschnittlich 32 Kilo Geflügel verzehrt, davon allein 25 Kilo Hähnchen. Das ist ein Anstieg von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine beeindruckende Zahl, die sich nicht nur auf den Geschmack der Konsumenten zurückführen lässt – sondern auch auf gesellschaftliche Entwicklungen.

In einem Land, das kulinarisch eng mit Schwein und Rind verbunden ist, wird nun das Hähnchen zur gemeinsamen Schnittmenge aller Esskulturen. Es ist halal, koscher, günstig, vielseitig – und es passt in jeden Ernährungsplan, von Low-Fat bis High-Protein.

Trendsetter mit Flügeln

Besonders stark ist das Wachstum in der Gastronomie zu spüren. Etwa 40 Prozent des verzehrten Hähnchens landet in Restaurants und Fast-Food-Ketten. Ein Paradebeispiel dafür ist das trendige Lokal "Chik'Chill" im Einkaufszentrum Créteil Soleil. Hinter dem Konzept steckt kein Geringerer als Mohamed Cheikh – ehemaliger Sieger von Top Chef. Er setzt bewusst auf Hähnchenfleisch, das kulturell breit akzeptiert ist.

Hier gibt es Tikka Massala, Wings im US-Style und Chicken-Burger en masse. Das Konzept geht auf: Innerhalb von zwei Monaten kamen 100.000 Gäste – darunter viele Familien wie Jennifer und ihr Nachwuchs. Für sie ist das Hähnchen der perfekte Allrounder: günstig, wandelbar und beliebt bei Groß und Klein.

Hähnchen als Medizin?

Auch gesundheitsbewusste Konsumenten steigen zunehmend auf Hähnchen um. Richard, ein Gast des Restaurants, meidet rotes Fleisch aus medizinischen Gründen. Nach einer Gicht-Attacke riet ihm sein Ernährungsberater zu Geflügel – weniger Purine, weniger Risiko. Für viele klingt das plausibel – und lässt sich auch problemlos umsetzen.

Frankreich hinkt hinterher – importiertes Hähnchen dominiert

Wegen des Booms kann die französische Landwirtschaft den Bedarf längst nicht mehr decken. Nahezu jeder zweite Hähnchenschenkel stammt aus dem Ausland. Noch zu Beginn der 2000er war Frankreich Nettoexporteur – heute ist es abhängig von Lieferungen aus Belgien, Polen und zunehmend auch der Ukraine.

Ein Besuch auf dem Großmarkt von Rungis verdeutlicht die Schieflage: "Wir haben nicht genug französische Hähnchen", erklärt Gino Catena, Präsident des Geflügel- und Wildverbands dort. Fast schon lakonisch ergänzt er: "Irgendwoher muss es ja kommen."

Ukraine auf dem Vormarsch – mit fragwürdigen Standards

Die Ukraine ist nach Brasilien der zweitgrößte Geflügelexporteur in die EU. Das Problem: Die dortige Produktion unterliegt deutlich lockereren Hygiene- und Tierschutzvorschriften. Das Fleisch wird meist in den Niederlanden verarbeitet und erhält dadurch ein "EU-Makeover". Für französische Bauern ist das ein harter Schlag – sie müssen unter deutlich strengeren Auflagen produzieren, können preislich aber nicht mithalten.

Nicht edel, sondern praktisch

Der französische Markt hat sich zudem gewandelt. Gefragt sind nicht mehr ganze Hähnchen, sondern Zuschnitte und verarbeitete Produkte wie Nuggets oder Cordon Bleu. Gino Catena bringt es auf den Punkt: Ganze Hähnchen machen nur noch 15 bis 20 Prozent des Umsatzes aus – der Rest geht in die Verarbeitung.

Ein Dilemma für die französische Landwirtschaft, die vor allem auf Qualität und Labels wie "Label Rouge" oder "Poulet de Bresse" setzt. Diese Premium-Produkte passen jedoch nicht zu den Anforderungen der Massenproduktion – insbesondere der verarbeitenden Industrie.

Frankreich braucht 400 neue Betriebe

Nach Einschätzung der nationalen Geflügelvereinigung fehlen bis 2030 etwa 400 neue Mastbetriebe, um den wachsenden Bedarf zu decken. Doch der Aufbau neuer Anlagen ist nicht nur teuer, sondern auch politisch heikel. Anwohner protestieren häufig gegen neue Ställe – wegen Geruchsbelästigung, Umweltbedenken oder einfach aus Prinzip.

Immerhin: Die neue Landwirtschaftsministerin Annie Genevard hat das Problem erkannt. Bei der kommenden Konferenz zur Ernährungssouveränität, die innerhalb der nächsten zwei Monate stattfinden soll, steht das Thema ganz oben auf der Tagesordnung.

Wird der Hähnchenhunger zur Zerreißprobe für die Landwirtschaft?

Frankreich liebt sein Hähnchen – das ist nicht zu übersehen. Doch um den Boom langfristig zu bewältigen, braucht es mehr als Marketing und neue Rezepte. Die Balance zwischen Qualität, Preis und Nachhaltigkeit muss stimmen. Sonst droht dem beliebtesten Fleisch der Republik bald ein ganz anderes Image.

Denn was bringt die große Nachfrage, wenn das Angebot nicht mithalten kann?

Von Andreas M. Brucker

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