Aktuell · 09.07.2026 13:27
Freispruch im Fall Alphonse-Baudin löst Proteste aus – Pariser Staatsanwaltschaft legt Berufung ein
Zwei Tage nach dem Freispruch eines ehemaligen Animateurs im Verfahren um mutmaßliche Übergriffe am Gymnasium Alphonse-Baudin versammelten sich rund hundert Eltern vor der Schule. Das Pariser Parquet kündigte Berufung in drei von neun Fällen…
Paris – 09.07.2026: Vor der École Alphonse-Baudin im 11. Arrondissement haben sich am Donnerstagvormittag rund hundert Eltern, Angehörige und Unterstützer versammelt. Mit Schildern und Sprechchören forderten sie Aufklärung und stärkere Schutzmaßnahmen für Kinder in der außerschulischen Betreuung. Auslöser des Protests ist eine Entscheidung des Tribunal correctionnel de Paris vom Dienstag: Der 36‑jährige frühere Animateur David G. wurde in Bezug auf Vorwürfe sexueller Übergriffe auf neun Kinder freigesprochen; wegen Belästigung gegenüber Kolleginnen erhielt er eine zur Bewährung ausgesetzte Strafe.
Die Reaktionen vor der Schule fielen emotional aus. Mehrere Eltern äußerten Unverständnis über das Urteil und verlangten eine erneute richterliche Prüfung. Die Staatsanwaltschaft von Paris hat am Mittwoch Berufung eingelegt – allerdings nur für drei der neun angezeigten Sachverhalte. Zur Begründung verwies das Gericht in erster Instanz auf Zweifel an der materiellen Beweislage und auf das Prinzip des „bénéfice du doute“. Dieser Maßstab stößt bei den Familien auf Widerstand, die ein systematischeres Vorgehen bei Verdachtsfällen in Einrichtungen mit sehr jungen Kindern fordern.
Im Prozess hatte die Anklage eine dreijährige Freiheitsstrafe beantragt, davon ein Jahr ohne Bewährung mit elektronischer Überwachung. Die Freisprüche verweisen nun die Sache in die nächste Instanz: Das Berufungsgericht wird prüfen, ob die Zweifel am Tatnachweis Bestand haben oder ob die Gesamtschau der Aussagen und Gutachten eine andere rechtliche Bewertung erlaubt. Bis zum Termin bleibt der frühere Animateur wegen der Verurteilung wegen Belästigung vorbelastet, gilt im Hinblick auf die Vorwürfe gegen Kinder jedoch weiter als unschuldig.
Die Affäre begann im April 2025, als Eltern erste Hinweise meldeten und die Stadt Paris interne Maßnahmen ergriff. Seither wurden im kommunalen périscolaire zusätzliche Schulungen und Kontrollen angekündigt. Nach dem Urteil wachsen die Erwartungen an die Mairie de Paris, die Standards in der Kinderbetreuung nach Unterrichtsschluss zu schärfen, Abläufe bei Meldungen zu vereinheitlichen und psychosoziale Unterstützung für Familien sicherzustellen. Opferhilfeverbände verweisen darauf, wie schwierig forensische Abklärungen bei sehr jungen Kindern sind, und drängen auf spezialisierte Befragungssettings sowie klare Dokumentationsregeln.
Politisch hat der Fall bereits Bewegung ausgelöst: Mehrere Abgeordnete und Stadträte kündigten eine vertiefte Prüfung der Präventionsketten im Bereich der Schul- und Freizeitbetreuung an. Für die Eltern der École Alphonse-Baudin bleibt die Lage belastend. Viele wünschen sich vor allem Transparenz über die nächsten juristischen Schritte, feste Schutzstandards im Alltag der Kinder und eine verlässliche Ansprechstelle, solange das Berufungsverfahren läuft.
Quellen
- Franceinfo
- Le Parisien
- Le Monde
- TF1 Info
- Boursorama