À la une · 10.06.2026 06:44
Fußball-WM unter Aufsicht: Clermont-Ferrand setzt auf harte Regeln statt Fanmeilen
Wenn andernorts die Vorfreude auf eine Fußball-Weltmeisterschaft wächst, Fahnen aus Fenstern hängen und Städte öffentliche Fan-Zonen planen, geht Clermont-Ferrand einen bemerkenswert anderen Weg. Die Hauptstadt der Auvergne bereitet sich auf das Turnier mit einem...
Wenn andernorts die Vorfreude auf eine Fußball-Weltmeisterschaft wächst, Fahnen aus Fenstern hängen und Städte öffentliche Fan-Zonen planen, geht Clermont-Ferrand einen bemerkenswert anderen Weg. Die Hauptstadt der Auvergne bereitet sich auf das Turnier mit einem Maßnahmenpaket vor, das vor allem eines signalisiert: Sicherheit hat Vorrang vor Feststimmung.
Auslöser für den ungewöhnlich strengen Kurs sind die Ausschreitungen der vergangenen Wochen. Nach dem Triumph von Paris Saint-Germain in der Champions League kam es in mehreren französischen Städten zu gewalttätigen Szenen, Sachbeschädigungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Auch Anfang Juni registrierten die Behörden erneut Unruhen. Die Erinnerungen daran sitzen tief.
Vor diesem Hintergrund haben Stadtverwaltung, Präfektur, Polizei und Justiz ein Konzept entwickelt, das in Frankreich zu den schärfsten Vorkehrungen rund um die Fußball-WM 2026 zählt.
Besonders ins Auge fällt die nächtliche Ausgangssperre für Minderjährige unter 16 Jahren. Im erweiterten Stadtzentrum, insbesondere rund um die Place de Jaude, dürfen Jugendliche während des Turniers zwischen 23 Uhr und 7 Uhr morgens nicht ohne Begleitung eines Erwachsenen unterwegs sein. Wer gegen diese Regel verstößt, muss mit einer Geldbuße von 150 Euro rechnen.
Bürgermeister Julien Bony verteidigt die Entscheidung mit dem Schutz junger Menschen und der Verantwortung der Eltern. Nach Einschätzung der Behörden spielten Minderjährige bei den jüngsten Ausschreitungen eine erhebliche Rolle. Die Ausgangssperre soll verhindern, dass Jugendliche in nächtliche Gewaltszenen hineingeraten oder selbst daran teilnehmen.
Mindestens ebenso bemerkenswert ist die Haltung der Stadt zu öffentlichen Übertragungen. Während vielerorts große Leinwände und Fanbereiche als Herzstück des Turniers gelten, verzichtet Clermont-Ferrand vollständig auf solche Angebote.
Keine Fan-Zone. Keine Großbildschirme auf öffentlichen Plätzen.
Selbst ein möglicher Finaleinzug der französischen Nationalmannschaft würde an dieser Entscheidung nichts ändern.
Stattdessen müssen Fernsehbildschirme in Bars und Restaurants so aufgestellt sein, dass sie ausschließlich von Gästen innerhalb der Lokale gesehen werden können. Die Behörden möchten vermeiden, dass sich größere Menschenmengen spontan auf Straßen und Plätzen bilden. Genau solche Ansammlungen gelten aus Sicht der Sicherheitskräfte als möglicher Ausgangspunkt für spätere Ausschreitungen.
Hinzu kommen weitere Einschränkungen. Geplant sind Verbote größerer Menschenansammlungen in sensiblen Bereichen sowie verschärfte Regeln für den Alkoholkonsum im öffentlichen Raum. Auch Feuerwerkskörper und sogenannte Mörserbatterien geraten verstärkt ins Visier der Ordnungskräfte. Bereits bei früheren Unruhen spielten sie eine zentrale Rolle.
Ein weiteres Thema überrascht auf den ersten Blick: Lachgas. Das ursprünglich als Partygag bekannte Rauschmittel wurde bei mehreren Vorfällen festgestellt und steht deshalb ebenfalls im Fokus der Behörden. Polizei und Staatsanwaltschaft kündigen zudem eine besonders schnelle Ahndung möglicher Straftaten an. Wer während der Weltmeisterschaft gewalttätig wird, soll rasch vor Gericht stehen.
Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die Wahrnehmung großer Sportereignisse verändert hat. Noch vor wenigen Jahren standen Fußball-Weltmeisterschaften für ausgelassene Feiern, gemeinsame Emotionen und öffentliche Begeisterung. Städte konkurrierten darum, die größten Fanmeilen und spektakulärsten Übertragungsorte anzubieten.
Heute dominiert vielerorts eine andere Frage: Wie lassen sich Sicherheitsrisiken kontrollieren?
Clermont-Ferrand liefert darauf eine eindeutige Antwort. Die Verantwortlichen setzen auf Prävention, Abschreckung und strikte Regeln. Kritiker sehen darin eine Einschränkung des öffentlichen Lebens und der festlichen Atmosphäre, Befürworter betrachten die Maßnahmen als notwendige Konsequenz aus den Erfahrungen der vergangenen Monate.
Ob der harte Kurs tatsächlich dazu beiträgt, Ausschreitungen zu verhindern, zeigt sich erst während des Turniers. Schon jetzt steht jedoch fest: In Clermont-Ferrand wird die Fußball-Weltmeisterschaft weniger als Straßenfest und mehr als sicherheitspolitische Herausforderung betrachtet. Die Sorge vor neuen Gewaltexzessen überlagert dort derzeit die Vorfreude auf das größte Fußballereignis der Welt.
Autor: Daniel Ivers