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Abonnenten · 21.11.2025 07:18

Gast aus der Tiefe – Ein seltener Riesenhai taucht in der Bretagne auf

Vier Meter lang, mit tellergroßen Augen und einer Schwanzflosse, die aussieht wie ein Schwert aus der Tiefsee – klingt nach einer Szene aus einem alten Abenteuerroman. Doch genau dieses Tier wurde jetzt, zum ersten...

Vier Meter lang, mit tellergroßen Augen und einer Schwanzflosse, die aussieht wie ein Schwert aus der Tiefsee – klingt nach einer Szene aus einem alten Abenteuerroman. Doch genau dieses Tier wurde jetzt, zum ersten Mal überhaupt, in den Gewässern vor der französischen Atlantikküste gesichtet: ein sogenannter „Requin-renard à gros yeux“, auf Deutsch der Großäugige Fuchshai.

Gefangen – aber nur aus Versehen.

Am 21. Oktober ging dieser seltene Meeresbewohner einem Fischer im Finistère an die Leine. Der Schock über das ungewöhnliche Tier war offenbar so groß wie das Tier selbst: über vier Meter misst der Hai, der zur Familie der Fuchshaie gehört und den wissenschaftlichen Namen Alopias superciliosus trägt.

Für die Behörden war schnell klar – dieser Fang ist keine Alltagssache. Die Affaires Maritimes, die französische Meeresbehörde, schaltete sich ein und veranlasste, dass das Tier an die Station Marine de Concarneau übergeben wird – eine bedeutende Forschungseinrichtung an der bretonischen Küste, spezialisiert auf maritime Ökosysteme.

Und was passiert nun mit diesem Meeresgiganten?

Die Forschenden vor Ort sprechen von einer einmaligen Gelegenheit. Denn dieser Hai ist in europäischen Gewässern praktisch ein Phantom. Zwar ist die Art weltweit verbreitet, doch bleibt sie weitgehend unsichtbar: Die Tiere leben in Tiefen von bis zu 1.000 Metern, meiden Küstenregionen und sind in Europa kaum jemals Opfer kommerzieller Fischerei. Dass nun ausgerechnet vor der bretonischen Küste ein Exemplar an die Oberfläche kam, ist nicht nur eine kleine Sensation – es ist ein wissenschaftlicher Glücksfall.

Die Station in Concarneau will nun jede noch so kleine Information aus dem Fund herausholen. Genaue Messungen, Fotodokumentation, genetische Proben – alles wird katalogisiert, bevor der Körper in die Hände eines Spezialisten übergeht. Ein sogenannter Ichthyotaxidermist – ein Präparator, der auf Fische spezialisiert ist – arbeitet gemeinsam mit einem Meeresbiologen an der Konservierung des Tieres. Ziel: Der Fuchshai soll künftig in der Dauerausstellung des Marinariums zu sehen sein, dem öffentlichen Schaufenster der Meeresstation.

Was macht diesen Hai eigentlich so besonders?

Es ist eine Mischung aus Anatomie und Mythos. Fuchshaie tragen ihren Namen wegen ihrer überlangen Schwanzflosse – beim Großäugigen Fuchshai kann diese fast so lang sein wie der gesamte restliche Körper. Doch sie ist kein schmückendes Beiwerk: Mit gezielten Schlägen betäubt der Hai Schwärme kleiner Fische, bevor er sie vertilgt. Seine überdimensionalen Augen sind eine Anpassung an die lichtarme Tiefsee – ein natürlicher Nachtsichtmodus.

Hinzu kommt: Der Großäugige Fuchshai ist streng geschützt. Er darf in Europa weder gefangen noch verkauft werden. Sein Bestand gilt global als bedroht – unter anderem, weil er als Beifang in der industriellen Hochseefischerei oft keine Überlebenschance hat. Die Sichtung in Frankreich zeigt also nicht nur, wie wenig wir über unsere Meere wissen, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die fragilen Lebensräume weit unter der Wasseroberfläche.

Könnte der Fund ein Hinweis auf veränderte Lebensräume sein?

Die Frage liegt auf der Hand – und beschäftigt längst die Fachwelt. Dass ein solches Tier in Küstennähe auftaucht, ist äußerst ungewöhnlich. Manche Wissenschaftler vermuten, dass steigende Wassertemperaturen und veränderte Nahrungsbedingungen in der Tiefsee einzelne Arten näher an die Oberfläche treiben. Andere warnen vor voreiligen Schlüssen – es könne sich auch einfach um ein verirrtes Exemplar handeln.

Doch selbst wenn es ein Einzelfall bleiben sollte: Der Fund bringt Bewegung in die Diskussion über Biodiversität im Meer. Wie viele Arten, die wir kaum kennen, schwimmen unter unseren Booten hinweg, ohne je gesehen zu werden? Und wie verändert sich das Gleichgewicht der Ozeane, wenn solche Tiere plötzlich an der Oberfläche auftauchen?

Das Marinarium in Concarneau hofft jedenfalls, dass der konservierte Fuchshai künftig nicht nur Wissenschaftler:innen inspiriert – sondern auch die Neugier der Öffentlichkeit weckt. Denn letztlich beginnt Naturschutz oft genau dort: beim Staunen über das Unbekannte.

Oder, um es anders zu sagen: Ein Blick in die Augen dieses Hais – groß, schwarz, unergründlich – ist ein Blick in eine Welt, die uns noch immer fremd ist.

Ein bisschen wie ein Gruß aus einer anderen Zeit.

Autor: C.H.

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