Alle Artikel · 16.04.2025 06:29
Gefängnisse aus dem Bausatz – Frankreichs neues Experiment gegen die Überfüllung
Frankreich geht einen neuen, ungewöhnlichen Weg im Kampf gegen die chronische Überfüllung seiner Gefängnisse: Justizminister Gérald Darmanin kündigte an, binnen kürzester Zeit 3.000 neue Haftplätze in modularen, vorgefertigten Gefängnisanlagen zu schaffen. Ein Projekt, das...
Frankreich geht einen neuen, ungewöhnlichen Weg im Kampf gegen die chronische Überfüllung seiner Gefängnisse: Justizminister Gérald Darmanin kündigte an, binnen kürzester Zeit 3.000 neue Haftplätze in modularen, vorgefertigten Gefängnisanlagen zu schaffen. Ein Projekt, das nicht nur Hoffnung, sondern auch hitzige Debatten entfacht – denn was auf den ersten Blick pragmatisch erscheint, wirft auf den zweiten Fragen nach Recht, Würde und langfristiger Strategie auf.
Ein Blick auf das Konzept: Diese neuen Haftstrukturen erinnern an Modelle aus Großbritannien und Deutschland – Betonmodule, industriell vorgefertigt, schnell zusammengesetzt und angeblich über 50 Jahre haltbar. Darmanin verspricht, dass es sich nicht um „Billigbauten“ handelt, sondern um vollwertige Justizeinrichtungen in menschenwürdiger Größe. Aber: Ist ein Gefängnis, das sich wie ein Fertighaus zusammenstecken lässt, tatsächlich der richtige Ort für Resozialisierung?
Die Standorte stehen noch nicht vollständig fest, doch das erste Mini-Gefängnis mit 50 Plätzen soll in Troyes-Lavau entstehen. Weitere 24 Orte sind vorgesehen – 15 davon gehören bereits dem Staat, was laut Ministerium die Akzeptanz erleichtern soll. Dass die modularen Gefängnisse außerhalb bestehender Gefängnismauern gebaut werden, ist ein Zugeständnis an die Gewerkschaften – sie befürchten sonst eine Zunahme illegaler Einschleusungen und Übergriffe.
Doch wer genau soll hier untergebracht werden? Laut Plan vor allem weniger gefährliche Insassen: Personen mit kurzen Haftstrafen, Täter von Verkehrsdelikten oder häuslicher Gewalt, aber auch halbfreie Inhaftierte, die tagsüber arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren dürfen. Ein kluger Schritt, so scheint es – immerhin wird damit verhindert, dass kleine Delikte große Karrieren im kriminellen Milieu nach sich ziehen.
Und das Ganze geht schnell: Statt sieben Jahren Bauzeit für ein klassisches Gefängnis, sollen die ersten neuen Einrichtungen bereits 2026 bezugsbereit sein. Bis 2028 könnte das Vorhaben abgeschlossen sein. Ein ambitionierter Zeitplan – und ein klarer politischer Fingerzeig vor der nächsten Präsidentschaftswahl.
Finanziell punktet das Projekt ebenfalls: 200.000 Euro pro Haftplatz, also nur die Hälfte der Kosten für einen traditionellen Gefängnisplatz. Insgesamt belaufen sich die Ausgaben auf 600 Millionen Euro – verteilt auf mehrere Jahre. Ein Spagat zwischen Haushaltsdisziplin und dringendem Handlungsbedarf.
Aber der Widerstand lässt nicht auf sich warten. Die Personalgewerkschaften kritisieren, dass die personelle Ausstattung schon heute lückenhaft ist – 7.000 Stellen fehlen in der Justizvollzugsanstalt. Woher soll also das Personal für diese neuen Gefängnisse kommen? Gute Frage – mit offenem Ende.
Auch Experten wie Joaquim Pueyo, ehemaliger Gefängnisdirektor, mahnen zur Vorsicht: Die modularen Gefängnisse allein sind keine Lösung. Es brauche auch mehr Mut zu alternativen Strafen – elektronische Fußfesseln, gelockerte Haftbedingungen oder bedingte Entlassungen. Das Ziel müsse sein, Menschen aus den Gefängnissen heraus- und nicht hineinzuorganisieren.
Die Kontrolleure der Haftbedingungen in Frankreich fordern genau das: leerere Zellen statt mehr Mauern. Deutschland zeigt, dass es anders geht – mit 20 Millionen Einwohnern mehr, aber 20.000 Häftlingen weniger. Eine Zahl, die wachrüttelt.
Was ist also von der modularen Lösung zu halten?
Sie ist pragmatisch, schnell und günstiger als der klassische Weg. Aber sie darf nicht zur Ausrede werden, grundlegende Reformen weiter zu verschleppen. Denn das eigentliche Problem sitzt tiefer – in einer Justiz, die oft überbestraft, in einer Gesellschaft, die lieber einsperrt als integriert.
Wenn Frankreich aus der Krise eine echte Chance machen will, dann muss der Fokus nicht auf mehr, sondern auf besser liegende Haftbedingungen gerichtet werden. Gefängnisse als Containerlösungen – das mag kurzfristig helfen. Doch langfristig hilft nur eins: ein intelligenter, menschenwürdiger Strafvollzug, der sich nicht auf Beton und Zeitersparnis verlässt.
Catherine H.