Alle Artikel · 08.08.2025 04:52
"Genocide Airline" – Der Angriff auf El Al in Paris und was dahinter steckt
Mitten im Herzen von Paris, in der Rue de Turbigo, trifft ein neuer Fall politisch motivierten Vandalismus die israelische Fluggesellschaft El Al. In der Nacht zum 7. August ist die Fassade ihres Büros mit...
Mitten im Herzen von Paris, in der Rue de Turbigo, trifft ein neuer Fall politisch motivierten Vandalismus die israelische Fluggesellschaft El Al. In der Nacht zum 7. August ist die Fassade ihres Büros mit roter Farbe übergossen und mit feindseligen Parolen besprüht worden – darunter: „Free Palestine“, „Palestine vivra, Palestine vaincra“, „Fuck Zionism“ und in grellroten Lettern: „El Al – Genocide Airline“.
Es ist nicht das erste Mal, dass politische Botschaften ihren Weg auf Mauern und Türen finden. Doch diesmal ist es anders. Denn es trifft nicht nur eine Firma, sondern ein Symbol – eine der sichtbarsten Repräsentanten Israels im internationalen Raum. Und das, in einer Stadt, die sich gerne als Zentrum von Diplomatie, Aufklärung und Meinungsfreiheit versteht.
Die Farbe als Waffe
Die rote Farbe, die großflächig über Fassade und Boden gekippt wurde, wurde nicht zufällig gewählt. Sie will Blut suggerieren. Schuld. Anklage. Eine plakatierte Anklage an den Staat Israel – gerichtet an die Öffentlichkeit, nicht an ein Gericht.
Ob der Schriftzug „Genocide Airline“ nur plakativer Protest ist oder juristisch relevant, müssen andere klären. Klar ist aber: Solche Botschaften hinterlassen Eindruck. Nicht nur bei den Betroffenen.
Keine Gefahr – aber ein klares Ziel
Laut El Al war das Gebäude zur Tatzeit leer. Es bestand keine Gefahr für Angestellte oder Passanten. Doch der Angriff war nicht physisch gemeint. Er zielte tiefer. Auf die Identität, das Selbstverständnis – und auf das Sicherheitsgefühl jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Frankreich.
Der Vorfall wird deshalb nicht als simpler Vandalismus gewertet, sondern als gezielte Einschüchterung. Ein Warnsignal, das bewusst an die emotionale Substanz gehen soll.
Politische Reaktionen? Schnell und deutlich.
Die Reaktion aus Israel ließ nicht lange auf sich warten. Die israelische Verkehrsministerin sprach von einem „barbarischen und gewaltsamen Akt“ – und forderte Frankreich dazu auf, die Täter zu finden und „harte Maßnahmen“ zu ergreifen. Sie verband den Angriff mit jüngsten politischen Entscheidungen Frankreichs, insbesondere mit der geplanten Anerkennung eines palästinensischen Staates bei den Vereinten Nationen im Herbst.
Auch Israels Botschafter in Frankreich äußerte sich deutlich. Für ihn ist der Angriff ein gezielter Akt psychologischer Gewalt – mit dem Ziel, israelische Bürgerinnen und Bürger einzuschüchtern und aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Eine Botschaft also, die weit über die Rue de Turbigo hinausreicht.
Frankreichs Reaktion: Ein Balanceakt
Frankreichs Regierung steht damit erneut vor einer Herausforderung, die sie seit Jahren begleitet: Wie begegnet man einer Zunahme antisemitischer Vorfälle, ohne die gesellschaftliche Polarisierung weiter zu verschärfen?
Zwar gab es eine klare Verurteilung des Angriffs durch Vertreter der französischen Politik – von „intolerablem Antisemitismus“ war die Rede. Doch zwischen öffentlicher Symbolpolitik und konsequenter Strafverfolgung klafft mitunter eine Lücke. Eine Lücke, auf die Täter kalkulieren – und die die Opfer spüren.
Eine Eskalation mit Ansage?
Der Vorfall reiht sich ein in eine Serie von antisemitisch motivierten Aktionen, die Frankreich seit dem 7. Oktober 2023 in dichter Folge erschüttern. Angesichts der Eskalation im Nahen Osten – und der emotional aufgeladenen Debatten in Europa – steigt auch hierzulande der Druck.
In den vergangenen Monaten wurden wiederholt jüdische Einrichtungen, Gedenkorte und öffentliche Gebäude mit Farbe beschmiert, Parolen besprüht oder mit Symbolen verunstaltet. Mal grün, mal rot. Immer laut. Immer kalkuliert.
Die französische Polizei ermittelt nun – und auch der Inlandsgeheimdienst dürfte den Vorfall registriert haben. Doch die zentrale Frage bleibt: Reicht eine Ermittlung, um ein gesellschaftliches Klima zu beruhigen, in dem sich Jüdinnen und Juden zunehmend unsicher fühlen?
Zwischen Botschaft und Bedrohung
Wer solche Parolen sprüht, will provozieren – aber nicht nur das. Er oder sie will Grenzen verschieben. Was gestern noch als Tabubruch galt, soll heute als legitimer Protest durchgehen. Genau das ist der gefährlichste Aspekt an Taten wie dieser: Sie normalisieren das Extreme.
Natürlich darf und muss man Kritik an Staaten üben dürfen – auch an Israel. Doch wenn diese Kritik in Antisemitismus kippt, wird aus politischer Haltung gezielte Hetze. Und dann stehen nicht mehr nur politische Entscheidungen im Fokus, sondern Menschen – in ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer Identität.
Und jetzt?
Die Fronten sind verhärtet, der Ton wird rauer, der öffentliche Raum aggressiver. Und doch bleibt die Frage: Wie schützt man in einer freien Gesellschaft all jene, die zur Zielscheibe werden – nicht trotz, sondern wegen dieser Freiheit?
Die Antwort liegt vielleicht nicht nur in Polizeieinsätzen oder diplomatischen Erklärungen, sondern in der kollektiven Verantwortung, die Grenzen des Sagbaren und Machbaren immer wieder neu zu verhandeln.
Denn sonst wird aus roter Farbe schnell ein Dauerzustand.
Autor: Andreas M. Brucker