Alle Artikel · 10.06.2025 12:11
Geplanter Giftanschlag und Mordpläne – Der brisante Prozess gegen 16 französische Ultrarechte
Ein Prozess erschüttert derzeit Frankreich: Seit dem 10. Juni stehen in Paris sechzehn mutmaßliche Mitglieder des ultrarechten Netzwerks „Action des forces opérationnelles“ (AFO) vor Gericht. Ihr Vorwurf? Terroristische Verschwörung mit dem Ziel, Gewalt gegen...
Ein Prozess erschüttert derzeit Frankreich: Seit dem 10. Juni stehen in Paris sechzehn mutmaßliche Mitglieder des ultrarechten Netzwerks „Action des forces opérationnelles“ (AFO) vor Gericht. Ihr Vorwurf? Terroristische Verschwörung mit dem Ziel, Gewalt gegen Muslime zu verüben – ein düsterer Einblick in die wachsende Gefahr von rechts.
Patriotismus mit tödlicher Agenda
Die AFO war keine lose Chatgruppe ohne Ziel. Laut Ermittlern handelt es sich um eine strukturierte, fast militärisch organisierte Gruppierung. In ihren Reihen: ein ehemaliger Diplomat, eine Krankenschwester, ein pensionierter Buchhalter und ein Ingenieur. Die Mischung mag auf den ersten Blick überraschen, doch alle einte ein glühendes Bekenntnis zum „Patriotismus“ – und die Überzeugung, Frankreich gegen eine angeblich drohende „islamistische Infiltration“ verteidigen zu müssen.
Klingt nach Verschwörungstheorie? Ist es auch. Und zwar mit höchst realen Konsequenzen.
Operation „Halal“ – Der zynische Plan
Einer der erschütterndsten Vorhaben trug den Codenamen „Opération Halal“. Die Idee: Frauen aus dem AFO-Umfeld sollten in Niqabs Supermärkte betreten, um dort Halal-Produkte zu vergiften – mit Rattengift oder sogar Cyanid. Das erklärte Ziel war nicht Mord, sondern „Vergiftung zur Diskreditierung“ muslimischer Produkte. Doch der Schritt zur tödlichen Eskalation ist dabei nur einen Wimpernschlag entfernt.
Ein weiteres Vorhaben: die Ermordung von 200 als „radikalisiert“ eingestuften Imamen. Zusätzlich wollte man eine Moschee in Clichy-la-Garenne mit Sprengstoff angreifen. Alles nur Worte? Nicht ganz – bei Durchsuchungen wurden Waffen, Chemikalien und Listen potenzieller Ziele und Opfer gefunden.
Wer sind die Täter?
Hier wird es besonders brisant. Die Angeklagten wirken wie Menschen von nebenan. Guy S., alias „Richelieu“, ein pensionierter Polizeibeamter, gilt als Kopf der Organisation. Seine Partnerin Marie-Véronique R. betrieb einen Blog mit patriotischem Anstrich – in Wirklichkeit war es der ideologische Nährboden für die AFO.
Auch andere Mitangeklagte – wie ein 61-jähriger Telefonist und Hobby-Schütze – zeichneten sich durch einen starken Hang zur Radikalisierung aus. Er habe „keine Angst, zur Waffe zu greifen“, um sein Land zu retten, so seine Aussage.
Ein Szenario, das an die Parole vom „einsamen Wolf“ erinnert – doch in Wahrheit handelte es sich um ein Rudel.
Der Rechtsstaat unter Druck
Trotz der Schwere der Vorwürfe befinden sich alle Angeklagten auf freiem Fuß – unter richterlicher Aufsicht. Warum? Die zuständige Untersuchungsrichterin stufte die geplanten Taten nicht als vollendete Verbrechen, sondern als vorbereitende Delikte ein. Der Prozess läuft voraussichtlich bis zum 27. Juni.
Ein Streitthema, das in Frankreich bereits hohe Wellen schlägt: Wurde hier ein gefährliches Netzwerk verharmlost? Oder zeigt es die Stärke des Rechtsstaats, der selbst Extremisten fair und transparent begegnet?
Ultrarechte Gefahr – ein gesamtgesellschaftliches Problem
Frankreich kennt den islamistischen Terror – viele Anschläge haben das Land schon erschüttert. Doch die rechtsextreme Gefahr wächst still und organisiert im Hintergrund. Die AFO zeigt: Radikalisierung findet nicht nur in dunklen Online-Foren statt, sondern am Küchentisch, im Schützenverein, in der Nachbarschaft. Eine Herausforderung, die nicht nur Polizei und Justiz betrifft, sondern auch Schulen, Gemeinden und Medien.
Wie umgehen mit einer Bedrohung, die sich hinter patriotischen Phrasen versteckt? Ein Staat, der auf Demokratie baut, muss auch deren Feinde erkennen – ganz gleich, aus welcher politischen Ecke sie kommen.
Der Prozess in Paris ist ein Symbol. Für die Gefahren eines wiedererstarkten Rechtsextremismus. Und für den Mut, ihnen entgegenzutreten – mit dem Gesetz, nicht mit Hass.
Autor: Andreas M. Brucker