Gestern war der Internationale Tag der Muttersprache

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Einsprachige Wörterbücher - nicht nur für Muttersprachler

Nanu – dafür gibt es extra einen Gedenktag? Was ist an der Muttersprache denn so Besonderes?

Nichts – wenn die allererste Sprache, die du gelernt und gesprochen hast, zum Beispiel Deutsch oder Französisch ist. Es sieht aber ein bisschen anders aus, wenn du als erste Sprache z. B. Bretonisch und erst später, in der Schule, Französisch gelernt hast. Oder zuerst Nordfriesisch, danach Deutsch. Was ist dann deine Muttersprache? Und als wer fühlst du dich? Was würdest du sagen? Ist man zuerst Franzose oder Bretone? Nordfriesin oder Deutsche?

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Tipp der Redaktion

Viele Sprachen sind vom Aussterben bedroht, weil nur noch wenige Menschen sie sprechen. Dazu gehören die oben erwähnten Sprachen bzw. Dialekte. Je nachdem, wie alt (genauer: jung) du bist, verstehst du diese womöglich gar nicht mehr. Du kennst vielleicht ein paar ältere Leute, die noch eine solche „exotische“ Sprache sprechen. Bretonisch (eine keltische Sprache) und Nordfriesisch (eine germanische Sprache) gehören zu den Sprachen, die als „ernsthaft gefährdet“ eingestuft sind.

Meine Muttersprache ist (manche schauen ein bisschen verdutzt, wenn ich nicht „Deutsch“ sage) Schwäbisch. Nicht nur die Aussprache unterscheidet sich von Hochdeutschen, teilweise auch Vokabular und sogar Grammatik. Aber „mein“ Schwäbisch ist schon nicht mehr dasselbe wie das vor zwei oder drei Generationen. Ältere Leute kennen und benutzen noch Wörter und Ausdrücke, die ich kaum verstehe geschweige denn anwende. Diese Wörter gehen langsam, aber sicher vergessen.

Einige Sprachen und Dialekte werden oft von der Großelterngeneration noch gesprochen und von der Elterngeneration verstanden, aber nicht mehr aktiv an die Kinder weitergegeben. Und viele Sprachen werden nur von einem sehr kleinen Teil der Menschheit gesprochen.

Solche Sprachen sind vom Verschwinden bedroht. Durchschnittlich werden zwei Sprachen in jedem Monat „vergessen“. Man spricht auch vom Sprachensterben. Gut die Hälfte aller weltweit gesprochenen (ca. 6000) Sprachen ist vom Aussterben bedroht.

Seit dem Jahr 2000 wird der von der UNESCO ausgerufene Gedenktag am 21. Februar begangen. Der Zweck ist die „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“.

Sprachen gelten als Zeichen der kulturellen Identität der Sprechenden. Jede Sprache spiegelt eine besondere Weltsicht und den kulturellen Hintergrund der Sprecher. Unterdrückte, gar verbotene Sprachen sind Zeichen für die Unterdrückung kultureller Identitäten.

Wenn man Fremdsprachen lernt, öffnet man sich gleichzeitig für andere, „fremde“ Kulturen und eine andere Weltsicht als die eigene. Ein Beispiel für verschiedene Sichtweisen: In Inuit-Sprachen existieren sehr viele verschiedene Wörter für Schnee, die dessen vielfältige Nuancen und Qualitäten bezeichnen. Solche Unterscheidungen sind in Grönland und im nördlichen Kanada notwendig, wogegen sie in schneeärmeren Regionen einfach nicht wichtig sind.

In benachbarten Ländern sind die Unterschiede meist nicht so auffällig. Das Alltagsleben in Frankreich ist nicht signifikant anders als das in Deutschland. Dennoch gibt es verschiedene Sichtweisen, die sich auch sprachlich äußern. Ein schönes Beispiel finde ich die Gegenüberstellung von Schublade und tiroir. Beide Wörter bezeichnen dieselbe Sache. Aber die Schublade wird geschoben, also zugemacht, geschlossen, wogegen ein tiroir gezogen, also aufgemacht, geöffnet wird. Was verbergen deutschsprachige Menschen in ihren Schubladen? Was wollen francophone Menschen gern gesehen wissen und zeigen?

Vielleicht erliegen wir mit solchen Beispielen vorschnellen Schlüssen von neugierigen Franzosen und verheimlichenden Deutschen und geraten damit in ein Schubladendenken, das dem Verständnis der jeweils Anderen nicht zuträglich ist …

Zum Abschluss eine kleine Anregung zum Nachdenken: Die meisten von uns sprechen außer der Muttersprache (oder dem erstgelernten Dialekt) noch andere Sprachen. Merkst du einen Unterschied in deinem Gefühl und in deinem Verhalten, wenn du die Sprache wechselst? Bist du dann sozusagen jemand anders?

Ich wünsche dir ein Leben in der Sprache, in der du dich wohlfühlst!

Deine Elisa


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