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À la une · 19.08.2025 10:55

Giftige Doppelmoral – Wie ein verbotenes BASF-Pestizid in Lyon produziert und exportiert wird

Ein Insektizid, das in Europa aus gutem Grund verboten ist, wird weiterhin in großen Mengen produziert – nicht irgendwo im Verborgenen, sondern in einer BASF-Fabrik vor den Toren Lyons. Ein aktueller Bericht der Regionalbehörde...

Ein Insektizid, das in Europa aus gutem Grund verboten ist, wird weiterhin in großen Mengen produziert – nicht irgendwo im Verborgenen, sondern in einer BASF-Fabrik vor den Toren Lyons. Ein aktueller Bericht der Regionalbehörde DREAL bringt ans Licht, was lange gemunkelt wurde: Rund zehn Tonnen des Pestizids Fastac lagern in Genay.

Fastac enthält Alpha-Cypermethrin, eine Substanz, die seit 2021 in der EU untersagt ist. Grund: ihre schädlichen Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Trotzdem rollen regelmäßig Lieferungen aus Indien auf das BASF-Gelände. Dort wird der Wirkstoff weiterverarbeitet und als fertiges Pflanzenschutzmittel exportiert – nicht nach Europa, sondern in Länder des globalen Südens.

Das wirkt wie eine chemische Form des Kolonialismus.

„Warum exportieren wir Produkte, die uns hier zu gefährlich sind?“, fragt Jean-Luc Juthier, einer der Aktivisten, die im Juni in das Werk eingedrungen sind. Seine Empörung ist verständlich: Während europäische Felder offiziell geschützt werden, gelangen dieselben Giftstoffe in afrikanische oder asiatische Böden – und kehren über importierte Lebensmittel auf unsere Teller zurück.

BASF verteidigt sich: Man halte sich an die geltenden Regeln und agiere im Rahmen des Rechts. Die Kritiker sprechen dagegen von einer zynischen Grauzone – ein juristisches Schlupfloch, das Profit über Verantwortung stellt. Und tatsächlich klingt es widersprüchlich: In Europa verbotene Pestizide sind innerhalb der EU tabu, dürfen aber dort produziert werden, solange sie anschließend exportiert werden.

Ein klarer Fall von regulatorischer Doppelmoral.

Das französische Umweltministerium hat eine Untersuchung angestoßen, nachdem die Bewegung der „Faucheurs volontaires“ – die freiwilligen Mäher, bekannt für ihre spektakulären Aktionen gegen Gentechnik und Chemie – die Fabrik öffentlich ins Visier genommen hatte. Nun liegt der Bericht beim Landwirtschaftsministerium in Paris, das über mögliche Sanktionen entscheiden muss.

Die Frage bleibt: Wird das System wirklich auf den Prüfstand gestellt – oder bleibt alles beim Alten, solange Gewinne und Steuern fließen?

Die Dimension dieses Falls reicht jedoch weit über Lyon hinaus. Sie betrifft die Glaubwürdigkeit europäischer Umweltpolitik. Europa schmückt sich gerne als Vorreiter beim Schutz von Mensch und Natur. Doch wenn gefährliche Produkte lediglich ausgelagert und in andere Länder verkauft werden, wirkt dieser Anspruch hohl.

Das Problem ist bekannt: Auch andere Konzerne exportieren Pestizide, die auf heimischen Märkten verboten sind. Menschenrechtsorganisationen sprechen von „Giftmüll auf Bestellung“ – mit fatalen Folgen für Bauern und Anwohner in den Exportregionen. Hautausschläge, Atemprobleme, verseuchte Böden und Wasserläufe gehören dort längst zur traurigen Realität.

Die Bilder könnten nicht widersprüchlicher sein: Hierzulande Bio-Märkte, Öko-Siegel und Kampagnen für Artenvielfalt. Dort Pestizidwolken über Reisfeldern, ohne Schutzkleidung, ohne Kontrolle.

Man muss kein Aktivist sein, um darin eine Schieflage zu erkennen.

Die Politik steht nun vor einer Entscheidung. Will sie das Schlupfloch schließen und ein echtes Exportverbot verhängen? Oder bleibt alles beim Lippenbekenntnis? Frankreich hätte die Möglichkeit, Druck in Brüssel aufzubauen – doch dafür braucht es den politischen Willen, sich mit mächtigen Chemiekonzernen wie BASF anzulegen.

Am Ende ist es auch eine moralische Frage. Denn wie glaubwürdig ist eine Umweltpolitik, die vor der eigenen Haustür Ordnung hält, während sie anderswo Chaos und Risiko hinterlässt?

Autor: Andreas M. B.

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