À la une · 02.09.2025 09:21
Giftige Erbschaften unter azurblauem Himmel – Marseille startet große Säuberungsaktion in den Calanques
Die Kulisse könnte idyllischer kaum sein: türkisfarbenes Wasser, schroffe Felsen, ein Naturparadies, das seit Jahren als Symbol mediterraner Schönheit gilt. Doch hinter den Postkartenmotiven der Calanques von Marseille verbirgt sich eine Geschichte, die wenig...
Die Kulisse könnte idyllischer kaum sein: türkisfarbenes Wasser, schroffe Felsen, ein Naturparadies, das seit Jahren als Symbol mediterraner Schönheit gilt. Doch hinter den Postkartenmotiven der Calanques von Marseille verbirgt sich eine Geschichte, die wenig romantisch klingt – eine Geschichte aus Blei, Arsen und altem Industrieschmutz. Am 1. September 2025 begann nun offiziell ein Mammutprojekt, das diesen toxischen Erbschaften den Kampf ansagen soll. 14 Millionen Euro stehen bereit, um 20 der am stärksten belasteten Standorte zwischen Mont Rose und Callelongue zu sanieren.
Eine Zahl, die vielversprechend klingt. Aber reicht das aus?
Schatten der Industriegeschichte
Wer heute durch die Calanques wandert, spürt den Atem von Freiheit und Natur. Was man nicht sofort sieht: Unter den Füßen lauert Altlast. Im 19. und 20. Jahrhundert siedelten sich hier Fabriken an, die Blei, Natronlauge oder Weinsäure verarbeiteten. Orte wie Saména, l’Escalette oder Montredon, damals dünn besiedelt, wurden zu Hotspots industrieller Produktion.
Was blieb, sind Hunderte Tonnen von Rückständen – Schlacken, durchsetzt mit Schwermetallen, die sich in Erde, Grundwasser und Küstenzonen verteilt haben. Blei, Arsen, Quecksilber: ein toxischer Cocktail, der weder verrottet noch verschwindet. Jahrzehnte nach der Schließung der Werke sickern diese Stoffe weiter in die Umwelt, schädigen Böden und bedrohen langfristig auch die Biodiversität.
Die Calanques sind heute Nationalpark – doch die Altlasten machen klar: Naturidyll und Industriemüll existieren hier Seite an Seite.
Zwei Wege zur Sanierung
Das Sanierungskonzept setzt auf zwei Hauptmethoden. Zum einen werden stark belastete Erdmassen ausgegraben und in spezialisierte Anlagen verbracht. Zum anderen kommen sogenannte „In-situ-Verfahren“ zum Einsatz: Die giftigen Schlacken werden vor Ort in dichten Erdcontainern eingeschlossen, abgedeckt mit Schichten, die so gestaltet sind, dass sie in die Landschaft passen sollen.
Die Idee klingt pragmatisch, ist aber nicht unumstritten. Kritiker fragen: Wie dauerhaft ist ein solcher Deckel? Was passiert, wenn er durch Erosion oder extreme Wetterereignisse beschädigt wird? Wird der Müll hier nicht bloß elegant verpackt statt beseitigt?
Wer zahlt für die saubere Zukunft?
Das Projekt finanziert sich aus mehreren Töpfen. Der größte Anteil kommt vom Staat mit 6,6 Millionen Euro. Dazu steuern die Métropole Aix-Marseille-Provence 1,5 Millionen bei, das Département Bouches-du-Rhône 3,4 Millionen und die Stadt Marseille 2 Millionen. Auffällig: Die Région Sud beteiligt sich nicht – sie argumentiert, die Verantwortung liege nicht in ihrem Aufgabenbereich.
Es ist also ein finanzielles Puzzle, zusammengesetzt aus verschiedenen politischen Ebenen, jede mit eigener Prioritätenliste. Doch das Gesamtbild bleibt lückenhaft: 14 Millionen Euro, um 20 Standorte zu behandeln – bei insgesamt 77 erfassten Problemzonen.
Eine simple Rechnung zeigt, was viele Aktivist:innen kritisieren: Das Geld reicht nicht, um die Altlasten flächendeckend zu beseitigen.
Zwischen Hoffnung und Skepsis
Der Startschuss wird vielerorts gefeiert, immerhin ist es das erste Großprojekt dieser Art im Nationalpark. Gleichzeitig bleibt der Beigeschmack, dass die Maßnahmen nur ein Pflaster auf einer viel größeren Wunde sind. Wer die Calanques vollständig von Giftstoffen befreien will, wird weitere Millionen investieren müssen – und Geduld haben.
Die Gerichte haben klare Fristen gesetzt: Bis Juni 2028 müssen 29 Hektar gesichert und saniert sein. Doch selbst wenn dieses Ziel erreicht wird, bleibt die Frage: Was geschieht mit den restlichen Flächen?
Ist es akzeptabel, dass ein Teil der toxischen Geschichte unter einer dünnen Schicht Erde verborgen bleibt?
Ein Balanceakt zwischen Mensch und Natur
Das Projekt ist mehr als ein technisches Vorhaben. Es ist ein Balanceakt zwischen Umweltpolitik, Geschichtsbewältigung und Zukunftssicherung. Die Calanques stehen für Schönheit, Tourismus und Erholung – aber auch für die Lasten vergangener Produktionsweisen.
Wer hier wandert, ahnt vielleicht nichts von den Schwermetallen im Boden. Aber genau darin liegt der Wert dieser Arbeiten: unsichtbare Gefahren sichtbar zu machen, sie abzutragen und die Region Stück für Stück zurückzuerobern.
Und doch bleibt es eine halbe Rückeroberung. Denn so großartig das Projekt auch klingt – es ist nur ein Anfang.
Autor: Danielo Ivers