À la une · 19.10.2025 09:16
Glanz über Marseille: Die „Bonne Mère“ hat ihre Krone zurück
Manchmal braucht es einen Helikopter, um ein Stück Identität zurückzubringen. In Marseille war genau das der Fall – und zwar für keine Geringere als die „Bonne Mère“, die Schutzpatronin der Stadt. Hoch oben auf...
Manchmal braucht es einen Helikopter, um ein Stück Identität zurückzubringen. In Marseille war genau das der Fall – und zwar für keine Geringere als die „Bonne Mère“, die Schutzpatronin der Stadt. Hoch oben auf dem Hügel, wo die Basilika Notre-Dame de la Garde über das bunte Treiben der südfranzösischen Hafenmetropole wacht, ist ein neues Kapitel angebrochen. Oder besser gesagt: ein altes wurde wieder auf Hochglanz poliert.
Die Szene wirkt fast surreal. Ein Helikopter schwebt in präzisem Standflug 130 Meter über dem Boden, darunter baumelt eine massive Holzkiste, sorgfältig gesichert. Ihr Inhalt? Eine vergoldete Krone von 150 Kilogramm Gewicht und 1,50 Meter Durchmesser – frisch restauriert, glänzender denn je. Ihr Ziel: der Kopf der Madonnenstatue, die seit über 150 Jahren das Wahrzeichen der Stadt ziert.
Die alte Dame hat wieder ihr Diadem. Und Marseille schaut ehrfürchtig zu.
Eine Operation wie ein königliches Schauspiel
Die Krone der Jungfrau mit dem Jesuskind hatte ihre Heimat auf dem höchsten Punkt der Stadt nie verlassen – bis jetzt. Seit 1870 thronte sie ununterbrochen auf der Statue. Nur für diese Restaurierung wurde sie abgenommen, in Kisten verpackt und in die Hände von Kunsthandwerkern übergeben.
Cyrielle d’Anthony, eine der talentierten Vergolderinnen des Pariser Ateliers Gohard, berichtet von der filigranen Arbeit: „750 Blatt Gold haben wir gebraucht.“ Das ist kein Job, bei dem man huscht – hier zählt Geduld, Präzision und Respekt vor dem Objekt. Es geht um weit mehr als Handwerk. Es ist eine Geste der Wertschätzung gegenüber einem Symbol, das für viele Marseillais untrennbar mit ihrer Stadt verbunden ist.
Mehr als Glaube: ein kollektives Gefühl
„Seit ich in Marseille lebe, war die Bonne Mère immer da. Ob gläubig oder nicht – sie gehört einfach dazu“, sagt ein Passant, der den spektakulären Krönungsflug beobachtet. Und genau das ist der Punkt. Die „Bonne Mère“ ist nicht nur ein religiöses Monument. Sie ist Teil des kollektiven Gedächtnisses, ein Orientierungspunkt, eine stille Trösterin bei Sturm und Hitze – und für viele schlicht: das Herz von Marseille.
Touristen, Anwohner, Kinder mit Handys in der Hand – sie alle versammelten sich auf den Hügeln, als die Krone zurückkehrte. Manche schwiegen andächtig. Andere applaudierten. Wieder andere schauten einfach nur in den Himmel und murmelten: „Wie schön das ist.“
2,8 Millionen Euro für ein Stück Ewigkeit
Die Krönung war der symbolische Höhepunkt eines aufwendigen Restaurierungsprojekts. Insgesamt 2,8 Millionen Euro wurden investiert, um nicht nur die Statue, sondern auch den Glockenturm der Basilika zu sanieren. Eine Summe, die auf den ersten Blick stolz wirkt – aber angesichts des symbolischen Wertes fast bescheiden erscheint.
Denn Notre-Dame de la Garde ist nicht nur Touristenattraktion, sie ist ein Ankerpunkt für die Stadt. Wer einmal auf der Terrasse vor der Basilika stand und den Blick über den Alten Hafen, die Inseln von Frioul und das endlose Blau des Mittelmeers schweifen ließ, weiß: Hier spürt man, was Marseille ausmacht.
Und jetzt? Wird gefeiert.
Am 8. Dezember, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, soll die restaurierte „Bonne Mère“ offiziell eingeweiht werden. Ein Festtag für Gläubige – und für alle, die diese Stadt lieben. Man kann sich das Szenario jetzt schon ausmalen: Musik, Lichter, vielleicht ein paar Tränen – und oben auf dem Hügel thront sie wieder, goldglänzend, stolz und zeitlos.
Was sagt das über uns aus, wenn wir so viel Aufwand betreiben, um einer Statue ihre Krone zurückzugeben?
Vielleicht, dass uns manche Dinge heilig sind. Und dass sie es auch bleiben sollen.
Autor: C.H.