À la une · 20.04.2025 07:09
Grünes Comeback oder letzter Versuch? – Marine Tondelier und die Zukunft der französischen Ökologisten
Marine Tondelier bleibt an der Spitze der französischen Grünen. Mit 73 Prozent der Stimmen wurde sie im ersten Wahlgang als nationale Koordinatorin der Partei Les Écologistes – dem neuen Namen der ehemaligen Europe Écologie-Les...
Marine Tondelier bleibt an der Spitze der französischen Grünen. Mit 73 Prozent der Stimmen wurde sie im ersten Wahlgang als nationale Koordinatorin der Partei Les Écologistes – dem neuen Namen der ehemaligen Europe Écologie-Les Verts (EELV) – bestätigt. Dieses deutliche Votum sichert ihr nicht nur eine zweite Amtszeit, sondern markiert auch einen seltenen Moment der Kontinuität in einer Partei, die für ihre internen Streitigkeiten und ideologischen Flügelkämpfe berüchtigt ist. Doch die Wiederwahl allein wird nicht reichen, um die Grünen aus ihrer derzeitigen politischen Krise zu führen.
Eine Führung mit Gegenwind
Tondeliers Wahlsieg war erwartet worden. Ihre Mitbewerber – darunter die prominente Europaabgeordnete Karima Delli (13 %), der Pariser Beigeordnete Florentin Letissier (8 %) und die bisher kaum bekannte Harmonie Lecerf-Meunier (6 %) – konnten der amtierenden Koordinatorin nichts entgegensetzen. Doch die innerparteiliche Einigkeit ist nur vordergründig: Bereits im Wahlverfahren wurden Stimmen laut, die mangelnde Transparenz beklagten. Kritiker werfen Tondelier vor, Entscheidungsprozesse zu monopolisieren und oppositionelle Stimmen in der Partei zu marginalisieren.
Besonders heikel bleibt der Umgang mit der Affäre um ihren Vorgänger Julien Bayou, dem von einer ehemaligen Lebensgefährtin unangemessenes Verhalten vorgeworfen wurde. Tondeliers Rolle in der parteiinternen Aufarbeitung sorgte für weiteren Unmut. Die Parteibasis erwartet von ihr nicht nur programmatische Orientierung, sondern auch institutionelle Offenheit – ein Anspruch, dem sie bislang nur bedingt gerecht wurde.
Strategischer Fehltritt bei den Europawahlen
Die Grünen haben auf europäischer Ebene eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte erlitten. Bei den Wahlen im Juni 2024 erreichte Les Écologistes lediglich 5,5 Prozent der Stimmen – das schlechteste Ergebnis seit drei Jahrzehnten. Die Entscheidung, eigenständig und ohne das linke Parteienbündnis NUPES in den Wahlkampf zu ziehen, erwies sich als gravierender strategischer Fehler. Während die Sozialisten und die radikale Linke zumindest punktuell Erfolge verbuchen konnten, wurden die Grünen für ihre politische Isolation bestraft.
Die Quittung war deutlich: Verlust an Sichtbarkeit, Rückgang bei der Wählermobilisierung und ein Vertrauensverlust gegenüber jungen und urbanen Milieus, die traditionell als grüne Kernklientel gelten. Dass die ökologische Frage im Wahlkampf von Themen wie Kaufkraft, Migration und innerer Sicherheit überlagert wurde, zeigt zudem, wie schwer es den Grünen fällt, in einem sich wandelnden politischen Klima Relevanz zu behaupten.
Kurskorrektur: Der Nouveau Front Populaire
Nach dem Wahldebakel hat Tondelier reagiert. Sie setzte sich für eine Reorganisation des linken Lagers ein und war treibende Kraft bei der Gründung des Nouveau Front Populaire (NFP) – eines neuen Zusammenschlusses progressiver Kräfte mit dem Ziel, eine gemeinsame Linie für die Präsidentschaftswahlen 2027 zu entwickeln. Mit dabei sind neben den Grünen auch die Sozialisten (PS), die Linksradikalen von La France Insoumise (LFI) sowie kleinere linke Gruppen.
Der NFP ist nicht nur eine Reaktion auf das Scheitern der Einzelgänge, sondern auch ein Versuch, ein politisches Gegengewicht zum wachsenden Einfluss des Rassemblement National (RN) und der bürgerlichen Rechten zu schaffen. Für die Grünen bedeutet das Bündnis jedoch auch eine Gratwanderung: Zwischen einer klaren ökologischen Identität und der Notwendigkeit, Kompromisse mit sozial- und wirtschaftspolitisch anders ausgerichteten Partnern einzugehen.
Zwischen Anpassung und Ambition
Marine Tondelier steht nun vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits muss sie die Partei intern konsolidieren – ein Unterfangen, das angesichts der historisch verankerten Fraktionierungen innerhalb der französischen Grünen als Herkulesaufgabe gelten kann. Andererseits muss sie Les Écologistes im Rahmen des NFP als eigenständige und unverzichtbare Kraft positionieren, ohne im Sog der größeren Partner unterzugehen.
Die Personalfrage für die Präsidentschaftswahl 2027 steht im Raum. Zwar hat Tondelier bisher nicht öffentlich gemacht, ob sie selbst antreten will, doch ihr medialer Auftritt, ihre häufige Präsenz in politischen Talkshows und ihre Rolle als Architektin des neuen linken Bündnisses deuten darauf hin, dass sie zumindest Ambitionen hegt. Sollte sie tatsächlich kandidieren, wäre sie nach Eva Joly (2012) und Yannick Jadot (2022) die dritte Person in Folge, die versucht, die Grünen in den Élysée-Palast zu führen – mit ungewissem Ausgang.
Dass eine ökologische Kandidatur im gegenwärtigen Frankreich eine realistische Erfolgschance hätte, erscheint allerdings fraglich. Die Themenlage hat sich verschoben, das Vertrauen in grüne Lösungsansätze hat in Teilen der Bevölkerung gelitten. Vor allem in den ländlichen Regionen, wo grüne Umweltauflagen oft als realitätsferne Einschränkungen erlebt werden, stoßen die Grünen auf Widerstand. Die Aufgabe wird es sein, eine ökologisch-soziale Erzählung zu etablieren, die nicht nur idealistisch, sondern auch praktisch-politisch anschlussfähig ist.
Der Weg bis 2027 ist lang, doch die kommenden Monate könnten darüber entscheiden, ob die Grünen unter Tondelier den Sprung vom zerstrittenen Milieuprojekt zur strategisch relevanten Partei schaffen – oder ob sie sich erneut in internen Grabenkämpfen verlieren.
Autor: MAB