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À la une · 09.10.2025 06:28

Guillotine im Rampenlicht: Wie das Mucem in Marseille an das dunkelste Kapitel der französischen Justiz erinnert

Sie steht still. Und doch spricht sie Bände. Mitten in der lichtdurchfluteten Eingangshalle des Mucem in Marseille erhebt sich seit dem 9. Oktober ein Monument des Schreckens – eine echte Guillotine aus dem Jahr...

Sie steht still. Und doch spricht sie Bände.

Mitten in der lichtdurchfluteten Eingangshalle des Mucem in Marseille erhebt sich seit dem 9. Oktober ein Monument des Schreckens – eine echte Guillotine aus dem Jahr 1872. Vier Meter fünfzig hoch, achthundert Kilo schwer. Holz und Metall, präzise montiert, als wäre sie bereit für ihren nächsten Einsatz. Doch der Zweck dieser Ausstellung ist ein anderer: Erinnerung. Provokation. Reflexion.

Der Moment ist bewusst gewählt. Wenige Tage vor der Ehrung im Panthéon von Robert Badinter, dem Mann, der Frankreich 1981 endgültig von der Todesstrafe befreite. Die Guillotine steht da nicht als Museumsstück unter vielen – sie steht da als Mahnmal.

https://twitter.com/ici_officiel/status/1975838604644503989

Ein stilles Monstrum im öffentlichen Raum

Es ist kein Exponat, das man beiläufig betrachtet und rasch weitergeht. Wer vor dieser Maschine steht, wird gezwungen hinzuschauen. Ihr Anblick ist eine Zumutung – und genau das ist gewollt. Das Mucem will, dass wir nicht wegsehen. Dass wir uns konfrontieren mit einem Instrument, das über fast zwei Jahrhunderte hinweg Leben gekostet hat. Legitimiert durch das Gesetz. Vollstreckt im Namen des Staates.

Diese Guillotine stammt aus den Reserven des Museums, wo sie jahrelang zerlegt in Kisten lagerte. Nun wurde sie Stück für Stück zusammengesetzt – nicht als makabre Inszenierung, sondern als Akt bewusster Rekonstruktion. Ein Aufbau, der historisches Gewicht in den Raum trägt. Der sagt: So sah sie aus. So funktionierte sie. So tötete der Staat.

Robert Badinter selbst hatte einst dafür gesorgt, dass einige dieser Maschinen erhalten blieben. Nicht, um sie zu glorifizieren – sondern um zu erinnern. An das, was war. Und was nie wieder sein darf.

Letzte Hinrichtung: ein Trauma von 1977

Frankreich ist ein Land, in dem noch vor nicht allzu langer Zeit im Namen des Gesetzes getötet wurde. Die letzte Exekution durch dieses Gerät liegt weniger als fünf Jahrzehnte zurück. 1977 wurde Hamida Djandoubi im Gefängnis von Marseille – nur wenige Kilometer vom heutigen Ausstellungsort entfernt – enthauptet. Eine Nachricht, die damals durch das ganze Land ging, aber heute kaum mehr im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

Erst 1981, unter Präsident François Mitterrand und auf Drängen von Badinter, wurde die Todesstrafe endgültig abgeschafft. Ein historischer Bruch – rechtlich, moralisch, kulturell. Wie wichtig Erinnerung sein kann, zeigt sich gerade an dieser Guillotine. Denn aus den Archiven geholt, wird sie plötzlich wieder sichtbar. Und mit ihr die Frage: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sie tötet, um Gerechtigkeit zu schaffen?

Kein neutrales Objekt

Das Mucem spricht in seiner Inszenierung eine klare Sprache. Die Guillotine ist kein „neutrales Artefakt“, keine staubige Reliquie der Justizgeschichte. Sie ist ein Symbol – für staatliche Macht, für Strafgewalt, für Unumkehrbarkeit. Und: für das Ende dieser Ära.

Doch der Umgang mit solchen Symbolen ist heikel. Kritiker befürchten, dass die Ausstellung zur bloßen Sensation gerät. Dass das Grauen musealisiert, das Sterben ästhetisiert wird. „Eine Hinrichtungsmaschine ist kein Schaustück“, sagen sie. Und haben damit nicht unrecht.

Genau deshalb hat das Mucem seine Ausstellung bewusst minimalistisch gehalten. Kein theatralisches Licht. Kein morbides Storytelling. Nur die Maschine. Roh. Real. Und eine Einladung zur Auseinandersetzung.

https://twitter.com/ici_provence/status/1975776967828844764

Ein Signal zur richtigen Zeit

Die Panthéonisierung Badinters verleiht dieser Ausstellung zusätzliche Tiefe. Denn sie verankert die Guillotine nicht nur in der Vergangenheit, sondern verbindet sie mit einer politischen Botschaft. Der Kampf gegen die Todesstrafe ist nicht abgeschlossen – weltweit nicht, und auch nicht in den Debatten Europas. Frankreich mag die Guillotine eingemottet haben, doch in anderen Ländern gehört staatliches Töten weiterhin zum juristischen Alltag.

Indem das Mucem seine Guillotine ins Zentrum rückt, wird sie zum Spiegel: Was sehen wir, wenn wir in sie hineinschauen? Nur ein Relikt? Oder einen warnenden Schatten auf unsere Gegenwart?

Erinnern heißt nicht verklären

Das französische Strafrecht hat sich gewandelt. Aber Gerechtigkeit bleibt ein sensibles Feld. Auch heute rufen manche nach „härteren Strafen“, nach „echter Abschreckung“. Es ist nicht lange her, da tauchten in politischen Diskursen sogar Andeutungen über eine mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe auf – meist in Zusammenhang mit Terrorismus.

Gerade in solchen Momenten wird deutlich, warum diese Ausstellung mehr ist als eine historische Rückschau. Sie ist ein pädagogisches Statement. Sie zeigt, was es bedeutet, wenn der Staat sich anmaßt, Leben zu beenden. Nicht symbolisch – real.

Eine Frage bleibt

Wer sich der Guillotine im Mucem nähert, der spürt ein Unbehagen, das sich nicht sofort fassen lässt. Es ist keine Angst, kein Entsetzen – eher ein drückendes Nachdenken. Über Verantwortung. Über Ethik. Über die Abgründe zwischen Recht und Moral.

Und so bleibt am Ende eine Frage, die jeder Besucher für sich beantworten muss: Wie nah wollen wir der Geschichte kommen, um zu begreifen, was sie uns heute zu sagen hat?

Von C. Hatty

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