Alle Artikel · 19.09.2025 06:19
Irrtum im Operationssaal – Wie einem Patienten in Créteil das falsche Organ entfernt wurde
Es klingt wie ein medizinischer Albtraum – und ist doch bittere Realität: Ein 77-jähriger Mann kommt im Sommer in die Urologie des renommierten Hôpital Henri Mondor in Créteil, um sich wegen eines Nierentumors operieren...
Es klingt wie ein medizinischer Albtraum – und ist doch bittere Realität: Ein 77-jähriger Mann kommt im Sommer in die Urologie des renommierten Hôpital Henri Mondor in Créteil, um sich wegen eines Nierentumors operieren zu lassen. Als er wieder aufwacht, fehlt ihm zwar ein Organ – aber das falsche. Statt der erkrankten Niere wurde die gesunde entfernt.
Ein tragischer Fall, der nicht nur das Leben des Patienten von Grund auf verändert, sondern auch grundlegende Fragen zur Patientensicherheit in Frankreichs OP-Sälen aufwirft.
Ein fataler Eingriff
Der Eingriff fand am 27. Juli im Rahmen einer geplanten Operation statt. Die Diagnose war klar: Eine vollständige Entfernung der kranken Niere sollte dem Patienten eine gute Prognose sichern. Bei frühen Stadien von Nierenkrebs liegen die Überlebenschancen nach einer sogenannten Nephrektomie bei bis zu 100 Prozent.
Doch irgendetwas ging furchtbar schief.
Trotz korrekt durchgeführter Sicherheitsmaßnahmen vor der Operation – darunter die obligatorische „Check-list“, bei der der Patient seine Identität bestätigt und die zu operierende Körperseite benennt – schnitt das Team die gesunde Niere heraus.
Der Schatten des Scanners
Was war passiert? Nach Recherchen von Radio France steht ein missverstandener oder fehlerhaft interpretierter CT-Bericht im Raum. Mehrere Krankenhausquellen vermuten, dass eine unklare Darstellung im Befund dazu führte, dass das medizinische Team von der falschen Seite ausging.
Ein Einzelfall? Offiziell ja. Doch inoffiziell weiß man: Die sogenannten „Ereignisse mit schwerwiegenden unerwünschten Folgen“ – im Fachjargon als EIGS bekannt – sind keine Seltenheit. Im Jahr 2024 wurden laut Haute Autorité de Santé in Frankreich 4.630 solcher Vorfälle registriert. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher liegen. Zu groß ist die Schwelle zur offiziellen Meldung, zu komplex sind die Abläufe in den Kliniken.
Der Patient lebt – doch zu welchem Preis?
Für den betroffenen Patienten hatte der Fehler dramatische Folgen. Nach Bekanntwerden des Missgeschicks wurde er sofort in ein anderes Pariser Krankenhaus verlegt, wo man versuchte, die eigentliche Krebserkrankung zu behandeln – diesmal am richtigen Ort.
Sein Leben ist derzeit nicht in akuter Gefahr. Doch er wird künftig mit einer stark reduzierten Nierenfunktion leben müssen – sofern die zweite, ursprünglich erkrankte Niere überhaupt noch ausreichend arbeiten kann. Ein Schicksal, das vermeidbar gewesen wäre.
Checklisten als Sicherheitsnetz – oder nur Papierübung?
Die sogenannte WHO-Checkliste wurde 2008 in Frankreich eingeführt, um genau solche Fehler zu verhindern. Vor, während und nach der Operation soll sie sicherstellen, dass alle Beteiligten dieselben Informationen haben. Doch der Fall von Créteil zeigt: Selbst diese letzte Verteidigungslinie kann versagen.
Wie konnte es trotz der Checkliste zur Verwechslung kommen? Hat jemand ein Kreuz an der falschen Stelle gemacht? War die Bildgebung nicht eindeutig? Oder hat man sich auf alte Gewohnheiten verlassen?
Die AP-HP, zu der das betroffene Krankenhaus gehört, verweigert bislang jeglichen Kommentar mit Verweis auf das Arztgeheimnis. Die Familie des Patienten hat rechtliche Schritte eingeleitet und möchte sich ebenfalls nicht öffentlich äußern.
Ein Einzelfall mit Systemfrage
Natürlich – menschliche Fehler lassen sich nie ganz ausschließen. Aber in einem System, das sich auf präzise Abläufe, interdisziplinäre Zusammenarbeit und verlässliche Technik verlässt, darf ein solcher Fehler eigentlich nicht passieren.
Oder anders gefragt: Wenn selbst in einem Pariser Spitzenkrankenhaus die Seiten verwechselt werden – wie sicher sind dann kleinere Kliniken mit weniger Ressourcen?
Diese Frage muss gestellt werden. Und zwar laut.
Denn wo das Vertrauen in die Medizin Risse bekommt, wird aus einer individuellen Tragödie ein strukturelles Problem.
Autor: C.H.