À la une · 11.11.2024 10:04
Jordan Bardella: “Ce que je cherche” - Ein junger Politiker zwischen Ambition und Loyalität
Mit „Ce que je cherche“ veröffentlicht der Präsident des französischen Rassemblement National, Jordan Bardella, seine erste Autobiographie. In dem 316 Seiten starken Werk reflektiert der 29-jährige über seine steile politische Karriere, seine persönliche Entwicklung...
Mit „Ce que je cherche“ veröffentlicht der Präsident des französischen Rassemblement National, Jordan Bardella, seine erste Autobiographie. In dem 316 Seiten starken Werk reflektiert der 29-jährige über seine steile politische Karriere, seine persönliche Entwicklung und seine politischen Ziele. Besondere Aufmerksamkeit widmet er seiner engen Verbindung zu Marine Le Pen, die für seine Laufbahn von entscheidender Bedeutung war. Gleichzeitig lässt er erkennen, dass er bereit ist, die Zukunft der Partei aktiv zu gestalten – vielleicht eines Tages sogar als deren Chef und Nachfolger von Marine Le Pen.
Ein liberaler Populist mit Ambitionen
Jordan Bardella stellt sich als Politiker vor, der neue Wählergruppen ansprechen möchte: „libéral“ und wirtschaftsfreundlich. Überraschend für viele Leser ist, dass er sich an einer Führungsfigur orientiert, die politisch außerhalb seiner Partei steht: Nicolas Sarkozy. Bardella bewundert Sarkozys Fähigkeit, breite gesellschaftliche Schichten zu vereinen – von den einfachen Arbeitern bis zur konservativen Bourgeoisie.
Dieser politische Kurs stellt sich allerdings anders dar als der Weg, den Marine Le Pen bislang eingeschlagen hat. Während sie sich vor allem auf die Anliegen der Unterschicht und der „vergessenen“ Franzosen konzentriert, zielt Bardella auf die wirtschaftsfreundliche Öffnung des RN, um ihn auch für Unternehmer und konservative Bürgerliche attraktiver zu machen. Die Unterschiede sind dabei keine Feinheiten: Bardellas Ansatz könnte den Rassemblement National nachhaltig verändern und ihm möglicherweise neue Anhänger, aber auch interne Konflikte bescheren.
Vertrauen und Ehrgeiz: die Beziehung zu Marine Le Pen
Ein ganzes Kapitel widmet Bardella Marine Le Pen, die für ihn sowohl Mentorin als auch „Wegbereiterin“ war. Er betont das tiefe Vertrauensverhältnis zu ihr und beschreibt die Zusammenarbeit als „partnerschaftlich“. Doch in subtilen Andeutungen lässt er durchblicken, dass seine Loyalität auch den Ehrgeiz enthält, eines Tages die Parteiführung zu übernehmen. „Faire émerger un successeur est l'un des premiers devoirs d'un chef“ – „Einen Nachfolger hervorzubringen, ist eine der ersten Pflichten eines Chefs“, schreibt Bardella und bringt damit in wenigen Worten seine Ambitionen zum Ausdruck.
Dieses Selbstbewusstsein blieb nicht unbemerkt: Für den Soziologen Erwan Lecoeur, der sich auf das französische Rechtsspektrum spezialisiert hat, stellt „Ce que je cherche“ eine „inoffizielle Kandidatur“ für die Parteiführung dar. Bardella betont jedoch, dass er und Marine Le Pen eine klare Arbeitsteilung und ein stabiles Vertrauensverhältnis pflegen.
Ein politisches Buch in turbulenten Zeiten
Dass Bardella sein Buch genau jetzt veröffentlicht, ist kein Zufall. Marine Le Pen steht Ende des Jahres in der Affäre um die mutmaßliche Veruntreuung von EU-Geldern durch Assistenten des ehemaligen Front National vor Gericht. Während sie auf der Anklagebank sitzt, wird Bardella seine Nähe zur Parteibasis durch eine intensive Buchpromotour vertiefen – mit rund 15 Signierstunden in verschiedenen Städten Frankreichs. Dieses Programm ermöglicht ihm, seine Anhängerschaft zu mobilisieren und möglicherweise die Weichen für seine politische Zukunft zu stellen.
Bardella und die Zukunft des RN
Die Veröffentlichung von „Ce que je cherche“ wirft viele Fragen auf: Strebt Bardella eine Veränderung der Partei an, die mit Marine Le Pens Vorstellungen brechen könnte? Seine Sympathie für die Vereinigung konservativer und wirtschaftsfreundlicher Kreise deutet auf einen strategischen Wandel im RN. Doch ob dieser Kurs die Zustimmung der Parteibasis finden wird, bleibt abzuwarten. Die kommende Zeit dürfte entscheidend dafür sein, ob Bardella sich als das neue Gesicht einer modernisierten, wirtschaftsliberaleren Rechten etablieren kann.
Es bleibt spannend, wie dieser junge, charismatische Politiker die französische Rechte gestalten und ob er die inneren Spannungen zwischen Tradition und Wandel meistern wird. Eines ist sicher: Mit seinem Buch „Ce que je cherche“ hat Bardella einen wichtigen Schritt getan – sowohl in seiner persönlichen Karriere als auch in der strategischen Neuausrichtung seiner Partei.