DONNERSTAG, 16. JULI 2026 Anmelden / Beitreten Mitgliedskonto
Zurück

Alle Artikel · 31.10.2025 07:24

Kameras an Bord: Mehr Nachvollziehbarkeit zum Schutz der Delfine im Golf von Biskaya

Der weite Atlantikkorridor zwischen Frankreich und Spanien – der Golf von Biskaya – wird zunehmend zum Schauplatz einer alarmierenden Ökokrise. Während des Winters 2022/2023 wurden über 1.400 tote Delfine an der französischen Atlantikküste gezählt....

Der weite Atlantikkorridor zwischen Frankreich und Spanien – der Golf von Biskaya – wird zunehmend zum Schauplatz einer alarmierenden Ökokrise. Während des Winters 2022/2023 wurden über 1.400 tote Delfine an der französischen Atlantikküste gezählt. Wissenschaftliche Schätzungen gehen sogar davon aus, dass bis zu 10.000 Tiere in der Tiefe verendet sein könnten.

Das Problem ist nicht neu – aber es verschärft sich. Der Hauptgrund für das Massensterben: unbeabsichtigte Beifänge in Fanggeräten wie pelagischen Schleppnetzen und Stellnetzen. Die Tiere verfangen sich, ertrinken und bleiben oft unentdeckt. Ohne entschlossenes Gegensteuern droht der Bestand des Gemeinen Delfins im Nordostatlantik dauerhaft zu kollabieren.

Wenn die Kamera mitfährt

Die Antwort der Behörden? Sichtbarkeit schaffen – wortwörtlich.

Seit 2023 kommen verstärkt Kameras an Bord von Fischereischiffen zum Einsatz. Diese Maßnahme, „Electronic Monitoring“ genannt, soll die Interaktionen zwischen Fischerei und Meeressäugern dokumentieren. Wann und wo kommt es zu Beifängen? Welche Fanggeräte sind besonders problematisch? Die Videoaufnahmen liefern wertvolle Daten – unbestechlich und kontinuierlich.

Zudem entfalten sie eine zweite Wirkung: Wer überwacht wird, ändert mitunter sein Verhalten. Die Präsenz von Kameras wirkt auf viele Fischereibetriebe wie ein digitaler Beifahrer – und kann ein Anreiz sein, schonendere Techniken zu nutzen.

Wer ist betroffen?

Die neue Regelung betrifft nicht die gesamte Flotte, sondern fokussiert sich zunächst auf ausgewählte Schiffe.

Betroffen sind vor allem Boote ab acht Metern Länge, die mit als risikoreich eingestuften Fanggeräten unterwegs sind. Insgesamt sollen in einer ersten Phase rund 115 Schiffe ausgestattet werden – 100 Stellnetzfischer und 15 pelagische Schleppnetzboote. Das System läuft rund um die Uhr, unabhängig von Fangzone oder Geräteeinsatz.

Einige Betriebe hatten versucht, sich mit bereits vorhandener Technik oder akustischen Vergrämergeräten („Pinger“) von der Pflicht befreien zu lassen – doch diese Ausnahmen wurden teilweise wieder einkassiert. Der Trend ist klar: weniger Ausnahmen, mehr Kontrolle.

Eine Pflicht für alle Boote? Noch nicht. Aber vieles deutet darauf hin, dass sich die Kamerapflicht schrittweise ausweiten wird.

Warum das Ganze?

Die Gründe für die Maßnahme sind vielfältig – und nachvollziehbar.

Erstens: Die Datenlage war bisher lückenhaft. Es fehlte an verlässlichen Zahlen über Beifangmengen, betroffene Regionen und Fangmethoden. Die Kameras liefern genau das – Beweise statt Ahnungen.

Zweitens: Sie schaffen Druck zur Veränderung. Wer weiß, dass die eigenen Handlungen dokumentiert werden, fischt möglicherweise vorsichtiger. Das gilt auch im Meer.

Drittens: Die öffentliche Meinung zählt. Viele Verbraucher fordern mehr Transparenz und Verantwortung in der Fischerei. Kameras symbolisieren beides – sie stehen für Nachvollziehbarkeit und Rechenschaft.

Aber: Die Technik hat ihren Preis. Für Reeder und Kapitäne bedeutet die Installation eine finanzielle wie organisatorische Herausforderung. Auch die Auswertung der Videodaten stellt Behörden vor neue Aufgaben – Stichwort Personal, Datenschutz, Kapazitäten.

Mehr als Technik: Ein Kulturwandel?

Die Kamera an Bord ist ein Werkzeug – kein Allheilmittel. Wer den Delfinen langfristig helfen will, muss weiter denken: Fangmethoden überarbeiten, Schutzgebiete temporär schließen, grenzüberschreitend kooperieren. Schließlich macht sich ein Delfin nicht viel aus Landesgrenzen.

Einige Maßnahmen sind noch freiwillig, andere laufen in der Testphase. Doch klar ist: Der Kurs hat sich verändert. Die Meerespolitik tastet sich vor – mal tastend, mal forsch – in Richtung mehr Umweltverantwortung.

Wird das reichen?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber es ist ein Anfang – ein sichtbarer, überprüfbarer Anfang.

Und das ist mehr als ein frommer Wunsch.

Autor: Andreas M. Brucker

Nachrichten per E-Mail erhalten

Mit dem kostenlosen Mitgliedskonto von France Premium legen Sie fest, welche Hinweise Sie per E-Mail bekommen möchten: sofort bei wichtigen Meldungen oder als ruhige Tageszusammenfassung.

  • News und Tageszeitung nach Ihren Interessen
  • Wetter- und Verkehrshinweise für gewählte Regionen
  • Fußball-Liveereignisse zu ausgewählten Teams
  • Rezepte, Kultur, Veranstaltungen und Premium-Hinweise
Newsletter bestellen

Die Anmeldung ist kostenlos. Sie können Ihre Auswahl jederzeit im Mitgliedskonto ändern oder abbestellen.