Alle Artikel · 04.09.2025 10:00
Kino: „Fils de“ - Wenn Politik zur Familienangelegenheit wird
Ein leerer Stuhl im Matignon, ein Vater, der eigentlich in den wohlverdienten Ruhestand entschwunden ist, und ein Sohn, der noch nicht weiß, ob er Politiker oder Stratege, Drahtzieher oder nur Spielball sein soll. Willkommen...
Ein leerer Stuhl im Matignon, ein Vater, der eigentlich in den wohlverdienten Ruhestand entschwunden ist, und ein Sohn, der noch nicht weiß, ob er Politiker oder Stratege, Drahtzieher oder nur Spielball sein soll. Willkommen in der Welt von Fils de, der neuen französischen Politsatire von Carlos Abascal Peiró, die am 3. September 2025 in die französischen Kinos kam.
Die Zutaten sind klassisch: Macht, Ambition, Eitelkeit, ein bisschen Familiendrama – und François Cluzet. Dazu gesellt sich Jean Chevalier als Sohn Nino, der ehrgeizige Attaché, der seinen Vater zurück in die Arena treiben will. Karin Viard wiederum gibt die toughe Parteichefin Anne Chalamont, die mit stoischer Miene und glänzenden Strategien das Spiel der Macht lenkt.
Eine Satire mitten im politischen Vakuum
Der Plot setzt genau da an, wo Frankreich so oft hingeschaut hat: die Tage nach einer Präsidentschaftswahl. Die Nation wartet, die Parteien taktierten, das Premierministeramt bleibt verwaist. Ausgerechnet in diesem Moment muss Nino seinen Vater Lionel Perrin überreden, das politische Comeback zu wagen.
Der Alte – ehemaliger Senator, charismatisch, aber von den Narben der Politik gezeichnet – schwankt zwischen Stolz und Müdigkeit. Der Sohn – karrierehungrig, clever, aber auch überfordert – versucht, ihn zu überzeugen.
Was folgt, ist weniger ein Vater-Sohn-Drama im privaten Wohnzimmer als eine kalte Dusche über die Mechanismen des politischen Geschäfts. Denn hinter den verschlossenen Türen wird nicht diskutiert, sondern taktiert.
Familienbande als Machtinstrument
Die große Stärke von Fils de liegt darin, wie geschickt er die private Beziehung in einen politischen Spiegel verwandelt. Lionel Perrin ist nicht nur Vater, sondern Symbol einer Generation, die das Feld eigentlich räumen wollte – oder sollte. Nino hingegen verkörpert jene, die sich nach oben drängen, oft nicht durch eigene Verdienste, sondern durch das richtige Blut in den Adern.
Und genau hier setzt die Satire ihren Stachel: Nepotismus, Clanstrukturen, politische Dynastien. Frankreich kennt sie, Europa ebenso. Fils de macht daraus ein Kammerspiel der Macht.
Doch die Frage bleibt: Kann eine Komödie dieser Schwere gerecht werden?
Kritiker zwischen Begeisterung und Gähnen
Die Stimmen der Presse sind gespalten. Le Monde spricht von einem „Spiel der Zerstörung“, das genüsslich aufzeigt, wie schnell ein junger Attaché in den Mahlstrom der Politik gerät. Télérama lobt das Casting, spricht aber auch von einer „lieben, fast zu harmlosen Satire“.
Andere wiederum finden härtere Worte: zu viel Karikatur, zu wenig Herz. Manche bemängeln, dass man die Figuren mehr wie Schachfiguren denn wie Menschen wahrnimmt. L’Éclaireur Fnac schreibt gar, der Film verliere sich in überflüssigen Windungen, ohne echte Empathie für seine Protagonisten zu erzeugen.
Kurz: Wer bissige Gesellschaftskritik erwartet, könnte enttäuscht werden. Wer sich aber auf eine amüsant inszenierte Politsatire einlässt, dürfte seine Freude haben.
Ein Film, der ins Jetzt passt
Ob genial oder banal – Fils de trifft einen Nerv. Die Diskussion über politische Erbfolgen, über Kinder berühmter Politiker, die selbst Karriere machen, ist hochaktuell. Nicht nur in Frankreich. Der Film stellt die Frage, ob Politik ein Beruf oder ein Familiengeschäft ist. Und ob Legitimität in der Demokratie tatsächlich aus der Wahlurne kommt – oder doch aus dem Nachnamen.
Das alles wird im Film nicht mit erhobenem Zeigefinger verhandelt, sondern mit Ironie, pointierten Dialogen und einem leichten, fast boulevardesken Tonfall. Ein Spiegelkabinett, das den Zuschauer eher schmunzeln lässt, als dass es ihn in Verzweiflung stürzt.
Fazit: Ein vergnüglicher, aber nicht perfekter Spiegel
Fils de ist kein Meisterwerk, aber ein charmanter Beitrag zum Genre der Politkomödie. Mit einer hervorragenden Besetzung, einer temporeichen Inszenierung und einem Thema, das den Puls der Gegenwart trifft, lädt er zu einer satirischen Achterbahnfahrt ein. Wer allerdings erwartet, dass sich im Kino die großen Wahrheiten der Demokratie enthüllen, dürfte das jedoch Gefühl haben, auf halber Strecke ausgebremst zu werden.
Doch für alle, die Lust haben auf französische Dialogkunst, auf das ewige Spiel von Macht und Familie und auf die Frage, wie viel „Fils de“ in der Politik eigentlich steckt – genau dafür ist dieser Film gemacht.
Autor: Andreas M. B.