Tag & Nacht


Es gab einmal eine Zeit, da war eine Fussball-Weltmeisterschaft ein Fest. Familien versammelten sich vor dem Fernseher, Nachbarn feierten gemeinsam auf öffentlichen Plätzen, Kinder trugen die Trikots ihrer Idole und träumten davon, selbst einmal auf der grossen Bühne zu stehen. Für einige Wochen schienen politische Gräben, soziale Spannungen und Alltagsprobleme in den Hintergrund zu treten. Der Fussball schuf Gemeinschaft.

Heute scheint man sich auf Grossereignisse vorzubereiten wie auf eine Naturkatastrophe.

Wenn eine Stadt wenige Tage vor einer Weltmeisterschaft Ausgangssperren für Jugendliche verhängt, öffentliche Versammlungen einschränkt, Fan-Zonen verbietet, Alkohol reguliert, Grillfeste untersagt und zusätzliche Sicherheitskräfte mobilisiert, dann ist das nicht das Programm für ein Volksfest. Es ist das Drehbuch für den Ausnahmezustand.

Wie weit sind wir eigentlich gekommen?




Die Ironie könnte grösser kaum sein. Ein Turnier, das Milliarden Menschen begeistern soll, zwingt Behörden inzwischen dazu, Schutzmassnahmen zu ergreifen, als würde eine feindliche Armee vor den Stadttoren stehen. Statt Vorfreude dominieren Sicherheitskonzepte. Statt Fahnen werden Absperrgitter aufgestellt. Statt gemeinsamer Euphorie diskutiert man über Ausgangssperren für Kinder.

Natürlich wird uns erklärt, dass die grosse Mehrheit friedlich sei. Das stimmt vermutlich sogar. Nur hilft diese Feststellung wenig, wenn eine immer kleinere Minderheit genügt, um ganze Innenstädte lahmzulegen, Geschäfte zu verwüsten, Autos anzuzünden und Polizisten anzugreifen. Die Rechnung bezahlen am Ende alle anderen.

Besonders bitter ist dabei, dass ausgerechnet die Jugendlichen den Preis entrichten. Tausende anständige junge Menschen werden pauschal unter Generalverdacht gestellt, weil einige Hundert Chaoten jede Gelegenheit zur Eskalation nutzen. Wer nachts friedlich mit Freunden ein Spiel schauen möchte, wird behandelt wie ein potenzieller Störer. Eine Gesellschaft, die ihre Jugend einsperrt, um ihre Jugend vor ihrer eigenen Jugend zu schützen, liefert ein bemerkenswertes Zeugnis ihres Zustands ab.

Und dennoch ist es schwer, den Verantwortlichen einen Vorwurf zu machen. Was sollen Bürgermeister tun, wenn jede grössere Feier das Risiko von Ausschreitungen mit sich bringt? Wegsehen? Hoffen? Abwarten? Die politischen Entscheidungsträger reagieren längst nicht mehr auf den Sport, sondern auf die Gewalt, die ihn begleitet.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik. Nicht die Ausgangssperren sind das Problem. Sie sind nur das Symptom.

Das Problem ist eine Gesellschaft, die es geschafft hat, selbst aus einem Fussballspiel einen Sicherheitsfall zu machen.

Früher fragte man vor einer Weltmeisterschaft: «Wie weit kommt unsere Mannschaft?» Heute lautet die Frage: «Wie viele Einsatzkräfte werden benötigt?»

Das allein sagt mehr über den Zustand unserer Zeit aus als jede Polizeistatistik.

Ein Kommentar von Daniel Ivers

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