Alle Artikel · 14.04.2025 05:48
Korsikas roter Schatz – Archipel der Sanguinaires
Wenn man an der Westküste von Ajaccio steht und den Blick über das weite Meer schweifen lässt, taucht plötzlich eine kleine Inselgruppe auf – wie ein zerstreutes Mosaik aus dunklem Vulkangestein. Die Îles Sanguinaires,...
Wenn man an der Westküste von Ajaccio steht und den Blick über das weite Meer schweifen lässt, taucht plötzlich eine kleine Inselgruppe auf – wie ein zerstreutes Mosaik aus dunklem Vulkangestein. Die Îles Sanguinaires, bestehend aus vier schroffen Inseln – Mezzu Mare, Isolotto, Cala d'Alga und Porri – ragen wie eine uralte Festung aus dem Meer. Und wenn die Sonne langsam untergeht? Dann färben sich die Felsen in ein tiefes Rot, fast so, als würde die Insel selbst glühen.
Wer braucht da noch Photoshop?
Ein Naturparadies im Mittelmeer
Der Archipel ist nicht nur ein optisches Highlight – es zählt zu den ökologischen Juwelen des Mittelmeers. Seit 2017 trägt es das begehrte Label „Grand Site de France“, außerdem gehört es zum europäischen Schutzgebietssystem Natura 2000.
Mehr als 150 Pflanzenarten sprießen auf den kleinen Inseln, viele davon wachsen nur hier. Die Luft ist erfüllt vom Rufen der Seevögel – darunter der Gelbschnabel-Sturmtaucher und der immer etwas grantig wirkende Mittelmeermöwe. Diese Naturbühne bleibt von Massentourismus weitgehend verschont. Warum? Weil sie klug geschützt wird.
Geschichten aus Nebel, Quarantäne und Korallen
Der Name „Sanguinaires“ klingt erstmal dramatisch – und steckt tatsächlich voller Deutungen. Manche sagen, er komme vom glutroten Licht, das bei Sonnenuntergang auf die Inseln fällt. Andere sehen einen Zusammenhang mit Pflanzen, die blutrote Blüten tragen. Und dann gibt es noch die Theorie der „i sanguinari“: Korallenfischer, die nach ihrer Rückkehr aus Nordafrika zur Quarantäne auf Mezzu Mare verbannt wurden.
Die Geschichte hat auf den Inseln sichtbare Spuren hinterlassen.
Da ist zum Beispiel der Phare des Sanguinaires, ein Leuchtturm, der 1870 auf den Überresten einer alten genuesischen Wachturmruine gebaut wurde. Heute zählt er zu den stärksten Leuchttürmen des Mittelmeers – und gibt ein perfektes Fotomotiv ab, vor allem bei Dämmerung.
Ein paar Schritte weiter steht der Lazarettbau aus dem Jahr 1806. Früher mussten Seeleute hier ausharren, bevor sie wieder festen Boden betreten durften. Heute zeugt nur noch die Ruine von dieser strengen Gesundheitsmaßnahme vergangener Zeiten.
Und dann wäre da noch die Genoeser-Turm von La Parata, der sich nicht direkt auf den Inseln befindet, sondern auf der Halbinsel, die vorgelagert ins Meer ragt. Er stammt aus dem 16. Jahrhundert – erbaut zur Abwehr von Piratenangriffen. Wer dort hochsteigt, sieht nicht nur das Archipel, sondern auch weit über die Bucht von Ajaccio hinaus.
Wanderschuhe oder Flossen?
Die Îles Sanguinaires ziehen Naturfans magisch an. Auf der Halbinsel La Parata führen mehrere Wanderwege durch das Gelände – mal sanft ansteigend, mal steinig und wild. Der Panoramaweg entlang der Klippen? Ein echter Geheimtipp. Wer ihn einmal gegangen ist, wird das Farbenspiel aus Himmel, Wasser und Fels nicht so schnell vergessen.
Und im Meer? Da wartet eine andere Welt. Schnorcheln oder Tauchen rund um Mezzu Mare offenbart ein Aquarium ohne Scheibe. Zwischen Seegraswiesen und Felsen tummeln sich bunte Fischarten, Oktopusse und mit etwas Glück sogar kleine Rochen.
Wie wäre es mit einem Bootsausflug bei Sonnenuntergang?
Die meisten Touren starten in Ajaccio und führen hinaus zur Inselgruppe. Einige Anbieter kombinieren die Fahrt mit einem korsischen Aperitif – Käse, Wurst, Wein – ganz entspannt auf Deck, während sich das Meer golden färbt. Was will man mehr?
Der Schatz braucht Schutz
Klar – je schöner der Ort, desto mehr wollen ihn sehen. Damit aber auch kommende Generationen die Magie der Sanguinaires erleben können, gelten klare Regeln. Die Gebiete dürfen nur zu bestimmten Zeiten betreten werden, und das auch nur auf ausgewiesenen Pfaden. Naturschutz geht hier vor Selfie.
Der „Grand Site de France“-Status kommt nicht von ungefähr. Dahinter steckt ein Konzept, das Tourismus, Umweltbildung und Landschaftspflege sinnvoll verbindet. Klingt ein bisschen trocken, ist aber ziemlich clever umgesetzt.
Mein Tipp: Augen auf und tief durchatmen
Wer die Sanguinaires erleben möchte, sollte sich Zeit lassen. Am besten startet man früh in Ajaccio, schlendert durch die quirlige Altstadt, kauft sich ein Stück Fiadone – diesen zitronig-leichten korsischen Käsekuchen – und macht sich dann auf zur Halbinsel Parata.
Dort beginnt das eigentliche Abenteuer. Mal wandert man durch duftende Macchia, mal steht man staunend auf einem Felsen, das Gesicht im Wind, das Meer zu Füßen.
Ist es nicht genau das, wonach wir suchen auf Reisen?
Die Îles Sanguinaires sind kein Ort für Hektik. Sie sind ein stiller Schatz – einer, den man besser langsam entdeckt. Und wer einmal dort war, weiß: Manche Sonnenuntergänge sind mehr als nur ein schönes Bild.
Sie sind ein Gefühl.
Ein Reisebericht von V.O.Yager