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Alle Artikel · 22.03.2025 09:37

„La Cache“ & „Magma“ – Zwei Filme, zwei Welten, ein gemeinsames Staunen

Manchmal kommen zwei Filme fast gleichzeitig ins Kino, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben – und doch ein gemeinsames Gefühl hinterlassen. So auch bei „La Cache“ von Lionel Baier und...

Manchmal kommen zwei Filme fast gleichzeitig ins Kino, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben – und doch ein gemeinsames Gefühl hinterlassen. So auch bei „La Cache“ von Lionel Baier und „Magma“ von Cyprien Vial. Der eine eine melancholisch-heitere Familiensymphonie, der andere ein intensives Vulkandrama mit politischen Untertönen. Zwei komplett verschiedene Welten – und doch verbindet sie etwas: Menschlichkeit in all ihren Brüchen und Schönheiten.

„La Cache“: Erinnerungen, Politik und eine Wohnung voller Leben

Basierend auf dem preisgekrönten Roman von Christophe Boltanski (Prix Femina 2015), erzählt Lionel Baiers Verfilmung nicht einfach die Lebensgeschichte einer jüdischen Intellektuellenfamilie. Nein – er zoomt ganz bewusst in eine kurze, im Buch nur angedeutete Phase hinein: den Mai 68. Und das macht er mit Witz, Charme und einer ordentlichen Prise Theaterbühnenhaftigkeit.

Wir befinden uns in einem heruntergekommenen, zugleich charmanten Altbau in der Rue de Vaugirard in Paris. Dort lebt die Boltanski-Familie in einem eigenen kleinen Kosmos. Der kleine Christophe wird regelmäßig bei den Großeltern abgeliefert, während die Eltern auf den Barrikaden der Studentenproteste unterwegs sind. Es entsteht ein Kammerspiel, durchzogen von Erinnerungen an die Shoah, kommunistische Utopien und familiäre Reibereien.

Michel Blanc brilliert als neurotischer Großvater und Dominique Reymond als politisch engagierte Großmutter, die sich den Stimmen der Arbeiter widmet. Liliane Rovère, als Urgroßmutter aus Odessa, bringt eine melancholische Tiefe mit – voll von vergangener Zeit und vergessenen Sehnsüchten.

Die Inszenierung ist verspielt, fast wie ein Comic, mit raschen Montagen, etwas Überzeichnung und einem Hauch Theaterbühne. Nicht jeder wird das mögen – doch es hat seinen ganz eigenen Zauber. Ein paar Anachronismen schleichen sich ein - etwa eine Jean-Yanne-Melodie von 1972 im Jahr 1968 -, aber irgendwie passt auch das zur leicht versponnenen Erzählweise.

Was wirklich berührt: der ernste, fast resignierende Blick des Großvaters auf die französische Geschichte. Ein jüdischer Franzose, der an de Gaulle glaubt – und gleichzeitig die dunklen Kapitel des Landes nicht vergisst. Zwischen Ironie und tiefer Verbundenheit schwingt hier etwas mit, das lange nachhallt.

https://youtu.be/-NJM3MGF1dQ

„Magma“: Wenn der Vulkan brodelt – und die Gesellschaft gleich mit

Ganz andere Töne schlägt Cyprien Vial in „Magma“ an – und das wortwörtlich. Denn hier grollt nicht nur der Vulkan der guadeloupischen Landschaft, sondern auch der soziale Untergrund. Die Geophysikerin Katia (intensiv gespielt von Marina Foïs) leitet das Vulkanobservatorium und lebt mit einem Einheimischen zusammen. Ihr junger Kollege Aimé (Théo Christine) sucht nach seiner Rolle – als Wissenschaftler, als Guadeloupéaner, als Mann zwischen den Welten.

Der Vulkan ist ständig präsent, auch wenn man ihn selten wirklich sieht. Denn Vial verzichtet bewusst auf spektakuläre Bilder – wohl auch aus Budgetgründen – und erzeugt Spannung über das, was man nur hört. Etwa in einer Szene, in der Aimé während eines Ausbruchs per Funkgerät spricht, während Katia in einer Höhle lauscht. Gänsehaut, ganz ohne Supereffekte.

Doch „Magma“ ist mehr als ein Katastrophenfilm. Es geht um koloniale Spuren, um Misstrauen gegenüber der Pariser Autorität, um die Unsichtbarkeit der Überseegebiete im nationalen Diskurs. Der Film kratzt an vielen Themen – manchmal nur an der Oberfläche, aber das genügt, um einen Nachhall zu erzeugen.

Gerade in einer Zeit, in der viele noch die Spannungen der Corona-Pandemie in Erinnerung haben, wirkt „Magma“ erstaunlich aktuell. Der Streit zwischen lokaler Lebensrealität und zentralstaatlicher Verwaltung wird hier nicht laut ausgetragen – aber er ist ständig spürbar.

https://www.youtube.com/watch?v=XOuvg8Ahnqg&t=3s

Zwei Filme – ein gemeinsamer Nerv

Was verbindet „La Cache“ und „Magma“? Beide Filme tauchen tief ein in persönliche wie politische Spannungsfelder. Die eine Geschichte spielt in der Vergangenheit, die andere in der unmittelbaren Gegenwart. Beide erzählen von Familien, von Zugehörigkeit, von Fragen nach Identität – sei es als Jude im Frankreich nach dem Krieg oder als Guadeloupéaner im Schatten des Vulkans.

Und beide Filme zeigen: Die Welt ist komplex, widersprüchlich, aber manchmal auch erstaunlich schön.

Wer also Lust auf kluge, einfühlsame und doch unterhaltsame Filme hat – diese zwei lohnen sich. Fürs Herz, fürs Hirn – und für diesen kleinen Kloß im Hals, der manchmal bleibt, wenn Kino richtig gut ist.

Von C. Hatty

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