À la une · 20.10.2024 07:37
Macron im Schatten: Wie der französische Präsident seine Rolle verändert hat
Seit der Ernennung von Michel Barnier zum Premierminister am 5. September 2024 hat sich die Rolle von Emmanuel Macron deutlich gewandelt. War der französische Präsident in den vergangenen sieben Jahren das unbestrittene Zentrum der...
Seit der Ernennung von Michel Barnier zum Premierminister am 5. September 2024 hat sich die Rolle von Emmanuel Macron deutlich gewandelt. War der französische Präsident in den vergangenen sieben Jahren das unbestrittene Zentrum der nationalen Politik, tritt er nun in den Hintergrund – zumindest auf der innenpolitischen Bühne. Die Zügel der Regierungspolitik hat er an Barnier übergeben, während er sich verstärkt auf internationale Fragen konzentriert.
Es ist schon fast ironisch: Während sich Emmanuel Macron auf der internationalen Bühne – sei es beim EU-Gipfel oder in Krisengesprächen zum Nahostkonflikt – immer wieder als starker Akteur positioniert, verliert er im eigenen Land zunehmend an Einfluss. Doch wie kam es dazu? Und was bedeutet das für seine politische Zukunft?
Ein radikaler Rollenwechsel
„Ich bin immer noch Präsident“, musste Macron bei einem Auftritt auf dem Pariser Autosalon klarstellen – fast so, als wäre seine Rolle in Frage gestellt. Tatsächlich hat sich die politische Landschaft Frankreichs verändert, seit Michel Barnier als Premierminister eingesetzt wurde. Barnier, eine Figur der konservativen Republikaner, führt die Regierung, während Macron im Hintergrund bleibt. Ein Szenario, das man in dieser Form seit den Zeiten der Koalitions-Regierungen unter François Mitterrand und Jacques Chirac nicht mehr gesehen hat.
Früher war es der Élysée, der den Ton angab. Heute aber scheint die politische Dynamik eher von Matignon, dem Sitz des Premierministers, oder dem Parlament auszugehen. „Emmanuel Macron hat nicht mehr die volle Kontrolle über die Ereignisse“, fasst ein Mitglied seines Teams die Situation zusammen. Für viele in Macrons Umfeld ein ungewöhnlicher, fast schon passiver Zustand.
Machtverlust oder geschicktes Taktieren?
Manche sehen in Macrons neuer Rolle einen strategischen Rückzug – doch die Frage bleibt: Ist er damit zufrieden? „Es ist nicht so, dass er fröhlich über seinen Rückzug ist“, erklärt ein enger Vertrauter des Präsidenten. Man könnte es als eine Art unfreiwillige „Halb-Cohabitation“ bezeichnen. Macron hatte sich, als Barnier seine erste Kabinettsliste vorlegte, heftig gewehrt und nur mit Mühe zwei zentrale Ministerien in den Händen seiner Vertrauten behalten: die Verteidigung und die Außenpolitik. Doch in allen anderen Bereichen hat Barnier weitgehend freie Hand.
Die politische Kommunikation ist ein weiteres Beispiel für den Machtverlust des Präsidenten. Früher wurden Interviews und Presseäußerungen von Ministern stets mit dem Élysée abgestimmt. Jetzt wird dieser Prozess weitgehend von Matignon gesteuert. Die Auftritte des Premierministers bestimmen die politische Agenda, während Macron vor allem durch internationale Auftritte auffällt.
Der Präsident als internationaler Akteur
Was Macron allerdings geblieben ist, ist seine starke Präsenz in internationalen Angelegenheiten. Ob in Brüssel oder im Nahen Osten, der Präsident zeigt, dass er eine wichtige Stimme auf der Weltbühne hat. So sorgte er mit Aussagen zur Lage in Gaza und Israel für internationale Schlagzeilen – und stieß dabei auch auf Widerstand, zum Beispiel beim israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu.
Innerhalb Frankreichs jedoch lässt Macron den Dingen derzeit meist ihren Lauf. „Er lässt die Regierung machen“, berichtet ein Berater aus seinem Umfeld. Man spürt, dass Macron – zumindest für den Moment – seine Rolle als „Beobachter“ der Innenpolitik akzeptiert hat. Aber ist das wirklich so?
Zwischen Resignation und strategischer Ruhe
Für viele Beobachter drängt sich die Frage auf: Ist Macron wirklich bereit, das Steuer so weit aus der Hand zu geben? Oder bereitet er im Stillen schon seinen nächsten Schritt vor? „Ich glaube nicht, dass er sich einfach zurückzieht“, sagt ein ehemaliger Minister. Macron beobachte genau, was vor sich geht, und halte regelmäßig Kontakt zu den Abgeordneten seiner Partei. Er habe sogar private Treffen mit kleinen Gruppen von Parlamentariern, um den Puls der nationalen Politik zu fühlen und die Stimmung in seinem Lager zu erfassen. Es ist also offensichtlich: Macron ist noch nicht am Ende – er hat nur seine Strategie geändert.
Einige seiner Verbündeten raten ihm, sich wieder stärker dem Alltag der Franzosen zuzuwenden. „Er sollte mehr direkte Begegnungen haben, in die Regionen reisen und sich den Menschen zuwenden“, empfiehlt ein enger Vertrauter. Tatsächlich hat Macrons Popularität einen Tiefpunkt erreicht: Laut einer Umfrage von Ipsos für „La Tribune“ sind nur noch 25 % der Franzosen mit seiner Amtsführung zufrieden. Das ist der niedrigste Wert seit der Gelbwesten-Krise im Jahr 2019.
Der Präsident und sein Erbe
Eines steht jedoch fest: Auch wenn Macron 2027 nicht mehr kandidieren kann, will er sein politisches Erbe verteidigen. Einige aus seinem Lager, darunter Mitglieder der Regierung, könnten versucht sein, seine Erfolge zu hinterfragen. Doch Macron lässt keinen Zweifel daran, dass er am Ball bleibt. „Er hat das letzte Wort noch nicht gesprochen“, sagt ein Berater – ein Hinweis darauf, dass der Präsident möglicherweise auf den richtigen Moment wartet, um wieder aktiv ins Geschehen einzugreifen.
Der Machtverlust mag temporär sein, denn Macron bleibt eine Schlüsselfigur. Sein Rückzug auf die internationale Bühne und seine „Beobachterrolle“ in der Innenpolitik könnten Teil eines größeren Plans sein. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder in den Vordergrund tritt – mit neuen Ideen, einer veränderten Strategie und dem unbändigen Willen, sein politisches Vermächtnis zu sichern.
Wer glaubt, Macron habe sich zurückgezogen, könnte also noch überrascht werden.