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Alle Artikel · 13.10.2025 08:38

Magie, Mut und Kürbisduft: Die Cucurbitades von Marchiennes

Einmal im Jahr verwandelt sich das beschauliche nordfranzösische Marchiennes in ein Zauberdorf: Überall leuchten Kürbisse, huschen Hexen durch die Gassen, wabert Nebel zwischen Fachwerkfassaden – als wäre ein Tim-Burton-Film zum Leben erwacht. Die „Cucurbitades“,...

Einmal im Jahr verwandelt sich das beschauliche nordfranzösische Marchiennes in ein Zauberdorf: Überall leuchten Kürbisse, huschen Hexen durch die Gassen, wabert Nebel zwischen Fachwerkfassaden – als wäre ein Tim-Burton-Film zum Leben erwacht. Die „Cucurbitades“, das große Fest der Kürbisgewächse und der Hexenkunst, haben am 5. Oktober 2025 zum 27. Mal stattgefunden – und weit mehr geboten als nur ein Spektakel für Fans von Halloween und Herbstromantik.

Denn hinter den bunten Masken, dem kindlichen Staunen und der verspielten Magie steckt ein ernster Kern – ein Rückgriff auf ein düsteres Kapitel lokaler Geschichte.

Vom Scheiterhaufen zur Straßenbühne

Die Cucurbitades wurden 1991 aus der Taufe gehoben – ein Gemeinschaftsprojekt des Tourismusbüros von Marchiennes, mit dem Ziel, das Kulturerbe neu zu beleben. Nach einer mehrjährigen Pause rund um 2015 hat die engagierte Vereinigung „Marchiennes Culture et Loisirs“ das Fest 2024 wiederbelebt – mit Erfolg. Tausende strömen seitdem jedes Jahr Anfang Oktober auf den zentralen Platz der Abtei, um einzutauchen in eine Welt, die zwischen Märchen und Mahnung schwebt.

Denn es geht hier nicht nur um nostalgische Kürbissuppe oder hübsche Laternen.

Die Cucurbitades erinnern auch an Péronne Goguillon – eine Frau, die 1679 in Marchiennes als „Hexe“ verbrannt wurde, gemeinsam mit ihrer Tochter. Ein symbolträchtiger Akt: Das Fest erhebt sich zur Ehrenrettung jener Frauen, die einst den Projektionen einer hysterisierten Gesellschaft zum Opfer fielen.

https://twitter.com/F3nord/status/1842951311190544412

Hexen, Händler und heimliche Goldmünzen

Die Ausgabe 2025 hatte es in sich: Bereits früh am Morgen begannen sich die Gassen mit Leben zu füllen. Über 80 Stände lockten mit kunstvoll geschnitzten Kürbissen, dampfenden Eintöpfen, Handwerkskunst und saisonalen Leckereien. Während sich Erwachsene durch das Sortiment der Produzenten probierten, ließen sich Kinder schminken, bastelten Zauberstäbe oder suchten nach der legendären Goldmünze, die angeblich unter den Schokotalern einer Hexe versteckt war.

Ein Gaukler auf Stelzen jonglierte mit brennenden Keulen. Eine schwebende Hexe las aus einem uralten Zauberbuch. Ein junger Illusionist ließ aus einem Kürbis eine weiße Taube flattern. Und überall: Musik, Lachen, tanzende Schatten.

https://twitter.com/VDNDouai/status/1708545643902390460

Die Kraft der Verwandlung

So folkloristisch das Fest daherkommt – es ist weit entfernt vom reinen Klamauk. Die Cucurbitades bieten einen öffentlichen Raum, in dem Geschichte, Fantasie und Gemeinschaft verschmelzen. Die tragische Vergangenheit wird nicht verdrängt, sondern kreativ transformiert.

Das fulminante Finale – ein gemeinsames Feuerritual – erinnert an die Verbrennungen vergangener Jahrhunderte, doch in friedlicher Umkehrung. Hier brennt kein Mensch mehr. Stattdessen tanzen die Flammen zu Ehren derer, die einst gejagt wurden. Ein würdiger Akt – irgendwo zwischen Gedenken und Befreiung.

Von der Dorfstraße zur Bühne

Was die Cucurbitades außerdem auszeichnet: Sie werden nicht einfach „veranstaltet“, sondern getragen. Von Freiwilligen, die Kostüme nähen. Von Künstlern, die wochenlang Proben und Dekors vorbereiten. Von Gärtnern, die Monate im Voraus die Kürbisse züchten, die dann wie kleine Kunstwerke über den Platz verteilt liegen.

Die Altstadt selbst wird zur Bühne. Der alte Prioratsgarten verwandelt sich in ein Stück Zauberwald. Mauern werden zu Projektionsflächen, Fenster zu Hexenhäuschen, Parkbänke zu Alchemisten-Tischen. In dieser lebendigen Kulisse verschwimmen die Grenzen zwischen Darsteller:innen und Publikum.

https://twitter.com/VDNDouai/status/650630561250213888

Zwischen Tourismus und Tiefgang

Natürlich ist das Fest auch ein Publikumsmagnet – und damit ein ökonomischer Faktor. Doch anders als bei vielen Halloween-Ablegern wahrt Marchiennes einen besonderen Ton: Der Umgang mit Symbolen, die leicht ins Gruselige oder Beliebige abdriften könnten, bleibt bewusst. Kein quietschbunter Kommerz, sondern inszenierte Poesie mit Substanz.

Klar: Auch hier wird verkauft, gespielt und gestaunt. Doch im Herzen der Cucurbitades schlägt ein anderes Anliegen – eines, das sich um Erinnerung, Gerechtigkeit und Zusammenhalt dreht.

Muss man da mal hin?

Unbedingt. Wer Kultur nicht nur als Konzert oder Museum versteht, sondern als gelebte Erzählung, wird in Marchiennes reich beschenkt. Die Cucurbitades sind ein Gegenentwurf zum Vergessen – charmant, klug, verwunschen.

Sie erzählen davon, dass selbst das Düsterste in Licht getaucht werden kann – wenn Menschen es gemeinsam wagen, Geschichte neu zu schreiben.

Autor: Andreas M. Brucker

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