À la une · 20.10.2025 07:49
„Man rettet nicht die Erde, ohne die Menschen zu retten“ – Noël Mamère über Ökologie als soziale Verpflichtung
In einer Zeit, in der Umweltpolitik oft auf CO₂-Bilanzen und Klimaziele reduziert wird, meldet sich ein bekannter Name zurück – mit einem eindringlichen Appell: Ökologie muss mehr sein als ein grünes Feigenblatt. Sie ist...
In einer Zeit, in der Umweltpolitik oft auf CO₂-Bilanzen und Klimaziele reduziert wird, meldet sich ein bekannter Name zurück – mit einem eindringlichen Appell: Ökologie muss mehr sein als ein grünes Feigenblatt. Sie ist ein soziales Projekt. Noël Mamère, langjähriger Bürgermeister der Stadt Bègles bei Bordeaux und ehemaliger Abgeordneter der französischen Nationalversammlung, sieht in der Umweltbewegung ein Werkzeug zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit. In einem aktuellen Interview mit France 24 legt er dar, warum aus seiner Sicht ökologische Fragen nicht losgelöst von sozialen Belangen diskutiert werden dürfen.
Ein Leben zwischen Medien und Politik
Mamère kennt beide Welten: den Journalismus und die Politik. Seine Karriere begann vor der Kamera, bevor er 1989 in die Kommunalpolitik wechselte. Fast drei Jahrzehnte stand er an der Spitze von Bègles, von 1997 bis 2017 vertrat er die Gironde auch im französischen Parlament. Diese Doppelrolle hat seinen Blick geschärft – für das Machbare, das Notwendige, aber auch das Übersehene. Seine Erkenntnis: Eine „grüne“ Ökologie allein greift zu kurz. Sie muss rot sein – sozial engagiert – oder violett, also offen für Vielfalt und soziale Gerechtigkeit.
Ökologie und Ungleichheit: Zwei Seiten derselben Medaille
Warum verknüpft Mamère den Umweltschutz so eng mit sozialer Gerechtigkeit? Ganz einfach: Weil die sozialen Verhältnisse über die individuelle Belastung durch Umweltprobleme entscheiden. Die ärmsten Bevölkerungsschichten leben oft in stark belasteten Stadtteilen – mit schlechter Luft, wenig Grünflächen, hohem Lärmpegel und schlechter Infrastruktur. Sie haben kaum Zugang zu gesunder Ernährung und sind häufiger von Naturkatastrophen betroffen. Mamère bringt es auf den Punkt: „Man rettet nicht den Planeten, ohne die Menschen zu retten.“
Doch seine Perspektive geht weiter. Die ökologische Wende kann, so seine Überzeugung, ein Sprungbrett für mehr Gerechtigkeit sein – wenn sie richtig umgesetzt wird. Energieeffiziente Gebäudesanierungen schaffen Arbeitsplätze. Öffentliche Verkehrssysteme bieten Alternativen zu teuren Privatfahrzeugen. Energiearme Haushalte profitieren von niedrigeren Heizkosten. Der Wandel ist für ihn kein Luxus, sondern ein „Gebot der Würde“.
Energiearmut, Raumverteilung, Bürgernähe
Mehrere zentrale Themen zieht Mamère im Interview hervor. Da ist zunächst die Energiearmut: Wer in schlecht isolierten Wohnungen lebt, zahlt drauf – nicht nur mit dem Geldbeutel, sondern auch mit der Gesundheit. Dächer zu dämmen und Fassaden zu sanieren sei daher doppelt sinnvoll: für das Klima und für den sozialen Ausgleich.
Ein weiteres Schlaglicht richtet Mamère auf die „territoriale Gerechtigkeit“. In vielen Randbezirken fehlen nicht nur Parks oder Bäume, sondern auch intakte Verkehrsnetze und soziale Treffpunkte. Diese Ungleichverteilung der „gemeinsamen Güter“ spiegelt tiefere gesellschaftliche Spaltungen wider. Seine Kritik richtet sich gegen einen „bourgeoisen Ökologismus“, der am Reißbrett entworfen wird – fernab der Lebensrealitäten jener, die mit dem Monatseinkommen jonglieren müssen.
Und dann ist da noch seine langjährige Bürgermeister-Erfahrung: Für Mamère liegt der Schlüssel in der lokalen Ebene. In Bègles habe man gezeigt, wie Umweltpolitik auch demokratisch, gemeinschaftlich und alltagsnah gestaltet werden kann. Nicht von oben herab, sondern von unten aufgebaut – aus den Stadtvierteln, durch Bürgerbeteiligung, im Dialog mit der Zivilgesellschaft.
Eine Ökologie für alle – oder für niemanden
Was Mamère beschreibt, ist mehr als nur Umweltpolitik mit sozialem Anstrich. Es ist eine Einladung, Ökologie als Gesellschaftspolitik zu verstehen. Denn wie glaubwürdig ist ein grünes Narrativ, wenn es jene ausschließt, die sich kein E-Auto, keinen Bio-Korb oder keine Solaranlage leisten können?
Doch hier lauert auch ein Risiko: Wenn die ökologischen Ziele nicht sozial flankiert werden – wer zahlt dann die Rechnung? Die Sanierung eines Altbaus, die Subventionierung öffentlicher Verkehrsmittel oder die Umschulung in neue grüne Berufe – das alles kostet. Ohne eine faire Kostenverteilung könnte sich der Eindruck verfestigen, dass die Umweltbewegung vor allem jene bedient, die sich „den Wandel leisten können“.
Lokale Stärke, globale Herausforderung
Ein weiteres Spannungsfeld, das Mamère anspricht: die Rolle der Kommunen. Er sieht die Städte und Gemeinden als Keimzellen des Wandels – wo Initiativen entstehen, wo Bürger sich einbringen. Doch reicht das aus angesichts globaler Krisen? Die Klimakrise kennt keine Stadtgrenzen. Deshalb muss die Verbindung zwischen lokaler Praxis, nationalem Handeln und internationaler Zusammenarbeit gestärkt werden. Ein Puzzle mit vielen Teilen – und noch offenen Rändern.
Frankreichs grüne Debatte: ein Sonderweg mit Signalwirkung?
Für deutschsprachige Leserinnen und Leser, die in Frankreich leben oder das Land beobachten, bietet das Interview eine aufschlussreiche Perspektive. Es zeigt, wie stark in Frankreich Umweltpolitik mit gesellschaftlicher Gerechtigkeit verknüpft wird – ein Akzent, der in Deutschland oder der Schweiz nicht immer gleich stark gesetzt wird.
Gleichzeitig wirft Mamères Ansatz ein Licht auf die kulturellen und politischen Eigenheiten des französischen Umweltverständnisses. Die Debatten drehen sich hier nicht nur um Klimaziele oder die Zukunft der Kernenergie, sondern um die ganz konkrete Frage: Wer profitiert – und wer bleibt zurück?
Was bleibt vom Gespräch mit Noël Mamère?
Ein Satz hallt nach: „L’écologie ne descend pas d’un sommet, elle remonte des territoires.“ Ökologie ist keine Gipfelstrategie, sondern wächst aus den Stadtteilen, den Gemeinden, dem Alltag. Mamère bringt damit eine Haltung auf den Punkt, die dem Thema wieder Bodenhaftung gibt – weg von Technokratie und Symbolpolitik, hin zu echter Teilhabe.
Ob seine Ideen heute noch politische Durchschlagskraft haben? Das bleibt offen. Doch ihre Dringlichkeit ist unbestritten – in Zeiten ökologischer Kipppunkte und wachsender sozialer Spannungen. Was Mamère vorschlägt, ist kein bequemes Modell. Aber ein notwendiges. Eines, das nicht nur die Welt, sondern auch das Zusammenleben in ihr verändern könnte.
Autor: C.H.