Alle Artikel · 16.12.2025 13:01
„Man will mir Kugeln in den Kopf jagen“ – Marseilles Bürgermeister zwischen Drohungen, Drogennetzwerken und Staatsversagen
Fast vierhundert Todesdrohungen in zwei Monaten.Nicht irgendwo.Nicht anonym im digitalen Rauschen der sozialen Netzwerke.Sondern gegen den amtierenden Bürgermeister von Marseille. Benoît Payan sitzt an diesem Dezembermorgen im Studio von France Inter und sagt diesen...
Fast vierhundert Todesdrohungen in zwei Monaten.
Nicht irgendwo.
Nicht anonym im digitalen Rauschen der sozialen Netzwerke.
Sondern gegen den amtierenden Bürgermeister von Marseille.
Benoît Payan sitzt an diesem Dezembermorgen im Studio von France Inter und sagt diesen Satz beinahe beiläufig, fast so, als ginge es um Verkehrschaos oder Haushaltszahlen. „Man hat mir angedroht, mir Kugeln in den Kopf zu jagen.“ Warum? Oft werde das gar nicht dazugesagt. Und genau das, sagt Payan, mache die Sache so unerquicklich. Wenn kein Motiv genannt werde, beginne das Kopfkino. Alles werde möglich. Und nichts wirklich greifbar.
Marseille ist keine Stadt für politische Unschuld. Wer hier regiert, weiß, dass Macht stets unter Beobachtung steht – von Wählerinnen und Wählern, von politischen Gegnern, von jenen, die ihre eigenen Regeln durchsetzen wollen. Der Drogenhandel gehört seit Jahrzehnten zu diesem düsteren Paralleluniversum. Doch die Wucht, mit der sich die Gewalt in den politischen Raum schiebt, hat eine neue Qualität erreicht.
Payan betont, nicht alle Drohungen stünden zwangsläufig im Zusammenhang mit dem organisierten Drogenhandel. Aber ausschließen lasse sich das eben auch nicht. Und wenn jemand ankündigt, einen umzulegen, ohne Begründung, dann bleibt nur das ungute Gefühl permanenter Unsicherheit. „Du kannst dir alles vorstellen“, sagt er. Ein Satz, der mehr sagt als viele Sicherheitsberichte.
Trotzdem weigert sich der Bürgermeister, in eine Spirale aus Angst und Paranoia zu geraten. Das sei genau das Ziel jener, die drohten. Einschüchterung. Rückzug. Schweigen. Payan will das Gegenteil. Er spricht laut, benennt die Dinge, fordert den Staat heraus. Man dürfe den Drogennetzwerken nicht das Feld überlassen. Wer jetzt einknicke, akzeptiere ihre Macht als gegeben. Und genau das, so seine Überzeugung, dürfe niemals passieren.
Dabei richtet sich seine Kritik nicht nur an die Kriminellen. Sie trifft auch jene, die schweigen. Künstler, Intellektuelle, Medienschaffende – sie alle, so Payan, müssten Stellung beziehen. Nicht moralisierend, nicht belehrend, sondern sichtbar. Ohne jemanden explizit anzugreifen, schwingt dennoch Enttäuschung mit. Manche hätten mehr Verantwortung als Rapper oder Popstars, sagt er. Und dennoch blieben sie stumm. Aus Bequemlichkeit? Aus Angst? Oder aus politischem Kalkül? Die Antwort bleibt offen.
Noch schärfer fällt seine Kritik an staatliche Stellen aus. Die Vielzahl der Drohungen sei von den zuständigen Diensten nur unzureichend behandelt worden. Kein Satz, den man in Paris gern hört. Und doch ist er Teil einer größeren Diagnose: Der Staat sei in Marseille oft zu spät, zu zögerlich, zu wenig präsent gewesen. Das betreffe nicht nur Polizei und Justiz, sondern den gesamten öffentlichen Dienst.
Dass Präsident Emmanuel Macron ausgerechnet jetzt erneut über die Drogenbekämpfung in Marseille sprechen will, kommt für Payan zur rechten Zeit. Er erkennt an, dass sich in den vergangenen Monaten etwas bewegt habe. Die Richtung stimme. Aber das Tempo reiche nicht aus. Vor allem das Innenministerium habe lange gezögert, die nötige Schlagkraft zu entwickeln. Worte wiegen wenig, wenn Netzwerke weiter funktionieren.
Und dennoch widerspricht Payan jener weitverbreiteten Resignation, wonach der Kampf gegen den Drogenhandel ohnehin verloren sei. Die Zahlen sprächen eine andere Sprache. Noch nie seien so viele Drogendealer inhaftiert oder angeklagt gewesen. Die Zahl der tödlichen Abrechnungen sei in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Rund zehn Morde im Jahr 2025 – zu viele, selbstverständlich. Aber eben weniger als früher. Für Payan ein Beweis, dass staatliches Handeln Wirkung zeigt, wenn es konsequent erfolgt.
Seine Forderungen an den Präsidenten sind klar umrissen. Marseille brauche einen nationalen Schwerpunktstaatsanwalt für organisierte Kriminalität, angesiedelt direkt vor Ort. Eine spezialisierte Justiz, die nicht nur Straßenkriminalität bekämpft, sondern den Geldflüssen folgt. Geldwäsche, internationale Verbindungen, wirtschaftliche Hintermänner – dort liege der eigentliche Nerv der Sache. Dafür brauche es stabile Ermittlerteams, keine ständig wechselnden Zuständigkeiten.
Doch Sicherheit allein genügt nicht. Payan spricht viel über Schulen, Krankenhäuser, Postfilialen, Arbeitsagenturen. Über den Alltag. Über staatliche Präsenz im besten Sinne. Der milliardenschwere Investitionsplan „Marseille en grand“ habe manches angestoßen, räumt er ein. Neue Gebäude entstehen. Infrastrukturprojekte laufen. Aber Mauern allein schaffen keine Stadt. Ohne Personal, ohne erreichbare Behörden, ohne funktionierende öffentliche Dienste bleibe der soziale Nährboden für Kriminalität bestehen.
In diesen Passagen klingt der Bürgermeister fast müde. Nicht resigniert. Eher erschöpft. Als jemand, der seit Jahren gegen Widerstände anredet und dennoch glaubt, dass Veränderung möglich bleibt. Vielleicht gerade deshalb wirken seine Worte so eindringlich. Sie kommen nicht aus der Pose, sondern aus Erfahrung.
Vierhundert Todesdrohungen.
Und trotzdem weitermachen.
Marseille als Brennglas einer Entwicklung, die längst nicht mehr nur den Süden Frankreichs betrifft. Wo der Staat zögert, füllen andere das Vakuum. Wo Angst regiert, schweigt die Öffentlichkeit. Benoît Payan will dieses Schweigen brechen. Ob ihm das gelingt, hängt nicht allein von seinem Mut ab, sondern davon, ob Politik, Justiz und Gesellschaft bereit sind, ihm zu folgen.
Autor: Andreas M. Brucker