À la une · 23.10.2025 08:05
Marine Tondelier und die große Frage: Wird sie 2027 für den Élysée kandidieren?
Sie lächelt selten, aber wenn, dann mit Bestimmtheit.Marine Tondelier, die grüne Parteichefin aus dem Pas-de-Calais, hat sich in wenigen Jahren von der Lokalpolitikerin zur strategischen Wortführerin der französischen Ökologiebewegung hochgearbeitet. Jetzt steht sie an...
Sie lächelt selten, aber wenn, dann mit Bestimmtheit.
Marine Tondelier, die grüne Parteichefin aus dem Pas-de-Calais, hat sich in wenigen Jahren von der Lokalpolitikerin zur strategischen Wortführerin der französischen Ökologiebewegung hochgearbeitet. Jetzt steht sie an einem möglichen Wendepunkt – der Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2027.
Offiziell? Noch nicht.
Aber die Zeichen verdichten sich.
Zwischen Andeutung und Ambition
Seit Monaten tourt sie durchs Land, hält Reden, führt Gespräche, vernetzt sich – als Parteichefin, aber auch als Gesicht einer möglichen grünen Zukunft für Frankreich. Immer wieder betont sie, sie kämpfe „bis zum letzten Atemzug“ für eine gemeinsame Kandidatur der Linken. Doch wer könnte diese Figur der Einigung besser verkörpern als sie selbst?
In internen Parteikreisen wird längst nicht mehr darüber diskutiert, ob die Grünen eine Kandidatin aufstellen sollen, sondern wie. Und bei diesen Gesprächen sitzt Tondelier immer am Tisch – oft am Kopfende.
Was sie sagt, klingt moderat. Was sie meint, klingt nach Strategie.
Und was sie tut, wirkt wie ein klarer Fahrplan.
Die Grünen auf dem Sprung
Seit dem Höhenflug von 2019 haben Frankreichs Grüne ein klares Ziel: vom Öko-Korrektiv zum politischen Schwergewicht zu werden. Doch nationale Wahlen waren bislang kein leichtes Pflaster. Der Präsidentschaftswahlkampf 2022 endete ernüchternd, die Bewegung blieb fragmentiert. Nun will man es anders machen.
Tondelier steht dabei exemplarisch für eine neue Linie: pragmatisch, professionell, bündnisorientiert – und gleichzeitig klar in ihren Überzeugungen. Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Demokratie – diese Trias zieht sich durch ihre Reden wie ein roter Faden.
Wenn sie nun also in den Ring steigt, dann nicht als Einzelkämpferin, sondern als Architektin einer breiteren Bewegung.
Aber klappt das?
Linke Einheit – Hoffnung oder Illusion?
Der Traum von einer gemeinsamen Kandidatur der Linken ist alt – und bisher stets an Eitelkeiten, Strategien und Grundsatzstreitigkeiten gescheitert. Sozialisten, Insoumis, Kommunisten, Grüne, Generation.s: Das linke Spektrum Frankreichs ist bunt, aber zersplittert.
Tondelier versucht, das zu ändern. Sie spricht von Gemeinsamkeiten statt Differenzen, von einem Mindestkonsens für 2027. Ihr Plan: eine grüne Kandidatin – oder einen Kandidaten –, der nicht für eine Partei steht, sondern für eine Bewegung.
Doch nicht alle machen mit. La France Insoumise etwa hat bislang kein Interesse gezeigt, sich in ein solches Bündnis einbinden zu lassen. Die Erfahrung mit der „NUPES“, dem linken Wahlbündnis von 2022, wirkt noch nach – vor allem in Form von Misstrauen.
Die Herausforderung für Tondelier: Sie muss Brücken bauen, wo andere Gräben ziehen.
Der Balanceakt einer Kandidatin in Wartestellung
Das Risiko ist offensichtlich: Sollte sie zu früh zu offen für ihre eigene Kandidatur werben, könnte das den Eindruck erwecken, es ginge ihr weniger um Einigung als um Ego. Bleibt sie jedoch zu vage, droht sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden – oder das Feld anderen zu überlassen.
Genau da liegt die Kunst.
Sie muss sich profilieren, ohne zu spalten.
Sich anbieten, ohne sich aufzudrängen.
Sich vorbereiten, ohne zu deklarieren.
Bislang gelingt ihr dieser Tanz auf dem Drahtseil erstaunlich gut. Sie wird eingeladen, gehört, diskutiert mit Regions-Präsidenten und Provinzaktivistinnen, tritt im Fernsehen auf – und schafft es, ihre Botschaft in ruhigem, aber klarem Ton zu vermitteln.
Die Frage ist nur: Wie lange funktioniert diese Strategie noch?
Noch keine Kandidatin – aber alles ist vorbereitet
Im Moment ist Marine Tondelier offiziell keine Kandidatin für das Präsidentenamt. Aber die Struktur, die Sprache, die Szenarien – alles spricht dafür, dass sie bereit ist. Oder es sein will.
Ihr Vorteil: Sie wirkt glaubwürdig.
Nicht überinszeniert, nicht künstlich zugespitzt, sondern aufrichtig engagiert.
Das ist selten in der Spitzenpolitik – und vielleicht ihr größtes Kapital.
Wenn sie den Sprung wagt, wird es darauf ankommen, ob sie über das grüne Lager hinaus Menschen überzeugt – urbane wie ländliche, junge wie ältere, linksaffine wie unentschlossene.
Kann sie das?
Vielleicht.
Noch ist 2027 weit genug entfernt, um zu gestalten – aber nah genug, um sich zu positionieren.
Marine Tondelier tut beides.
Leise, aber bestimmt.
Nicht im Rampenlicht – aber mit dem festen Blick auf die Bühne.
Autor: Andreas M. Brucker