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À la une · 09.07.2025 09:41

Marseille: Das Feuer geht zurück - die Flammen sind aber noch nicht vollständig gelöscht

Eine schwarze Schneise zieht sich durch die Hügel am nördlichen Stadtrand. Hier, wo gestern noch Pinienhaine im Sommerwind rauschten, riecht es heute nach Asche und verbrannter Erde. Nach einer Nacht unermüdlicher Löscharbeiten melden die...

Eine schwarze Schneise zieht sich durch die Hügel am nördlichen Stadtrand.

Hier, wo gestern noch Pinienhaine im Sommerwind rauschten, riecht es heute nach Asche und verbrannter Erde.

Nach einer Nacht unermüdlicher Löscharbeiten melden die Behörden: Das Feuer, das Marseille bedrohte, ist „geht sehr deutlich zurück“. Doch wer jetzt erleichtert aufatmet, übersieht die Narben, die dieser Brand hinterlässt.

Dienstagmorgen, Pennes-Mirabeau.

Die ersten Rauchschwaden steigen auf. Innerhalb weniger Stunden frisst sich das Feuer durch über 750 Hektar Wald- und Buschland. In dieser dicht besiedelten Region gleicht jede Böe einem russischen Roulette.

Mehr als 800 Einsatzkräfte eilen herbei: Feuerwehrleute, Marins-Pompiers, Polizisten. Hubschrauber kreisen, lassen ihre Wasserlasten in milchigen Schleiern herabregnen. Bodentrupps schlagen Schneisen, legen Gegenfeuer, um den Brand zu bremsen. Ein Wettlauf gegen eine entfesselte Natur.

Georges-François Leclerc, Präfekt der Bouches-du-Rhône, lobt ihre Arbeit. Ohne diese gewaltige Mobilisierung – so viel ist klar – hätte Marseille heute ein anderes Gesicht.

Doch er mahnt auch: Vollständig gelöscht ist der Brand nicht. Jeder Funke, jede versteckte Glut könnte ihn neu entfachen.

Ein Feuer, viele Verletzte – aber keine Toten.

Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben. Dennoch hinterlässt das Inferno eine erschütternde Bilanz: 249 Menschen wurden medizinisch betreut. 43 von ihnen galten als „dringende Fälle“, 16 mussten ins Krankenhaus. Unter den Verletzten: 28 Feuerwehrleute und 26 Polizisten, meist mit Rauchvergiftungen.

Eine Einsatzkraft berichtet, wie sie mitten in der Gluthitze plötzlich kaum noch atmen konnte. „Du riechst dein eigenes verbranntes Haar und merkst: Jetzt wird’s eng.“

Der materielle Schaden wiegt ebenfalls schwer: 71 Gebäude beschädigt, zehn davon völlig zerstört. Zwei Lagerhallen brannten aus, dazu mehr als 15 Fahrzeuge.

Für die Bewohner des 16. Arrondissements von Marseille endete der Albtraum am Mittwochmorgen. Nach stundenlangem Ausharren in ihren Häusern durften sie auf die Strassen zurückkehren. Manche standen fassungslos vor verkohlten Autos und geschwärzten Fassaden. Andere umarmten ihre Nachbarn – still, ohne Worte.

Der Minister spricht Klartext.

Bruno Retailleau, Frankreichs Innenminister, reiste am Dienstagabend nach Marseille. Er wirkte angespannt, fast zornig, als er vor die Kameras trat. Seine Botschaft war unmissverständlich:

„Die Waldbrandsaison hat noch nicht einmal richtig begonnen – und wir stehen schon jetzt am Limit.“

Er forderte eine schnellere Erneuerung der Löschflugzeugflotte. Viele der Maschinen stammen aus den 90er Jahren. Auch die Prävention müsse verstärkt werden. Weniger weggeworfene Kippen, strengere Kontrollen, mehr Brandschutzstreifen – eine Liste ohne Ende.

Doch steckt nicht mehr dahinter?

Steigende Temperaturen, trockene Winter, heiße Winde aus Afrika: Der Süden Frankreichs wird zum Pulverfass. In Marseille weiß man das längst. Seit Jahren warnen Experten, dass sich die Waldbrandsaison ausdehnt und verschärft.

Diesmal ging es eigentlich noch ganz gut aus. Doch was passiert, wenn gleichzeitig mehrere Brände in dicht bewohnten Gebieten ausbrechen?

Eine Frage, die auch den Präfekten Georges-François Leclerc beschäftigt. Er spricht von einer „neuen Normalität“, die Einsatzkräfte, Politik und Bevölkerung zwingt, umzudenken. Früher war ein Brand ein dramatisches Ereignis – heute wird er Teil des Sommers.

Ein Funke der Hoffnung.

Mitten in der Zerstörung zeigt sich aber auch das andere Gesicht der Stadt: Solidarität. Nachbarn nahmen Evakuierte auf, verteilten Wasser, organisierten Schlafplätze. Restaurants öffneten ihre Kühlhäuser für Einsatzkräfte, um Getränke und Nahrung zu lagern.

Die Feuerwehr lobte insbesondere die Disziplin der Bewohner. Viele folgten sofort den Anweisungen, blieben im Haus oder räumten Gefahrenzonen ohne Widerstand. Dieses kollektive Verantwortungsgefühl hat Menschenleben gerettet.

Für Marseille beginnt nun die Aufarbeitung. Behörden bewerten die Schäden, Versicherungen stellen Summen zusammen, Architekten prüfen die Stabilität beschädigter Häuser.

Doch die wahren Kosten sind nicht immer messbar. Der Verlust von Sicherheit, das brennende Bild vor Augen, der Geruch von Rauch im Schlafzimmer – das alles bleibt.

Einige Feuerwehrleute verließen am Morgen das Einsatzgebiet, mit rußverschmierten Gesichtern und leeren Blicken. Einer von ihnen sagte nur: „Wir löschen das Feuer. Aber der Sommer hat gerade erst angefangen...“

Autor: C.H.

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