Alle Artikel · 10.12.2025 08:38
Marseille: Wie ein Polizeieinsatz die Stadt für einen Tag in Atem hielt
Marseille kennt das Echo schwerer Schritte. Doch an diesem Dienstagmorgen, dem 9. Dezember, klingt es anders, dichter, entschlossener. Mehr als 1.500 Polizistinnen und Polizisten rücken gleichzeitig aus, um fünfzehn Drogenumschlagplätze in den nördlichen Vierteln...
Marseille kennt das Echo schwerer Schritte. Doch an diesem Dienstagmorgen, dem 9. Dezember, klingt es anders, dichter, entschlossener. Mehr als 1.500 Polizistinnen und Polizisten rücken gleichzeitig aus, um fünfzehn Drogenumschlagplätze in den nördlichen Vierteln der Stadt zu zerschlagen – ein Schlag, der sitzen soll und der schon mit der ersten Bewegung zeigt, dass die Behörden diesmal nicht nur anklopfen, sondern die Tür aufstoßen.
Die Straßen sind früh belebt, aber nicht vom Berufsverkehr. Uniformen überall, Kontrollpunkte an den Kreuzungen, Beamte, die wortlos die Bürgerinnen und Bürger abtasten, als sei jeder Schritt, jede Geste ein mögliches Indiz. Die Szene wirkt wie aus einem Film, aber der Drehort ist echt und die Kulisse alltäglich: Marseille, die Hafenstadt mit dem langen Gedächtnis und den narbigen Fassaden.
Man spürt, dass hier etwas auf dem Spiel steht.
Die Ermittler verteilen sich über die Viertel wie ein pulsierendes Netz. Jeder Innenhof, jede Garage, jeder verwinkelte Treppenaufgang wird durchforstet. In einem dieser Treppenhäuser stoßen sie auf etwas, das so banal wie erschütternd wirkt: An die Wand gekritzelte Preislisten für Kokain und Cannabis, als sei es das Menü eines Fast-Food-Ladens. Das Geschäft läuft – offen, dreist, alltäglich. Und genau das soll, so der Plan der Einsatzleitung, am Dienstag ein Ende finden.
Bis zum Abend zählen die Behörden 79 Festnahmen. Dazu Bargeld, Drogen, Verstecke, die selbst für erfahrene Polizisten ein Kopfschütteln wert sind. Sarah Tournemire, Divisionskommissarin in Marseille, führt die Beamten über Dächer und durch Hinterhöfe. Auf einem Gebäudekomplex mit dem poetischen Namen „Oliviers A“ finden sie Behälter mit Kokain, Cannabis-Harz, Cannabis-Blüten – alles sorgsam verstaut dort, wo der Händler des Tages sich gern verschanzt, um für Ermittler möglichst schwer auffindbar zu sein. Ein Katz-und-Maus-Spiel, das schon lange währt.
Doch an diesem Dienstag hat die Maus schlechte Karten.
Der Einsatz kommt nicht aus dem Nichts – Marseille hat in diesem Herbst einen weiteren Schock erlebt. Vor wenigen Wochen wurde der jüngere Bruder von Amine Kessaci getötet, jenem jungen Aktivisten, der seit Jahren unermüdlich gegen den Drogenhandel in seiner Stadt anschreibt und spricht. Die Nachricht dieses Mordes hallte durch Marseille wie ein alter Schmerz, den man schon zu gut kennt. Nun soll die Polizei mehr Präsenz zeigen, entschlossener wirken, Terrain zurückerobern. Ein schweres Wort, „Territorium“ – und doch trifft es die Lage.
Corinne Simon, Polizeipräsidentin im Departement Bouches-du-Rhône, formuliert es nüchtern und hart. Manche Verkaufsstellen brächten 50.000 oder gar 60.000 Euro am Tag ein. Beträge, die jede Vorstellung sprengen und gleichzeitig erklären, weshalb der Kampf gegen diese Strukturen so zäh und gefährlich ist. Wer täglich solche Summen verschiebt, lässt sie sich nicht ohne Weiteres nehmen. Und so betont die Polizeichefin, dass man diese Gewinne austrocknen müsse, wolle man die Spirale durchbrechen.
Während die Einsatzkräfte ihre Arbeit machen, bleibt die Stimmung in den Vierteln gemischt. Viele Bewohnerinnen und Bewohner wünschen sich seit Jahren genau solche Einsätze, sehnen sich nach Ruhe, nach einem Nachhauseweg ohne Umwege, nach Nächten ohne Knallgeräusche. Andere wiederum halten die Operation für reine Symbolpolitik, eine Art große Bühne, die vor allem deshalb aufgebaut wurde, weil es politische Termine gibt. Und ja – Emmanuel Macron, der Präsident, wird in der kommenden Woche in Marseille erwartet.
Der Zeitpunkt wirkt nicht zufällig, wenngleich es die Behörden entschieden anders darstellen. Und die tatsächliche Lage ist viel zu ernst, um sich auf bloße Gesten herunterbrechen zu lassen. Die Polizei kündigt an, über Nacht weiterzumachen. Der Druck soll nicht abreißen, die Präsenz nicht verpuffen wie so oft bei kurzfristigen Lichtblicken, die am nächsten Tag schon wieder verglühen.
Dass viele Bewohner nicht öffentlich sprechen wollen, sagt viel über das Klima vor Ort. Angst vor Vergeltung, vor jenen unsichtbaren Blicken, die einem aus manchen Fenstern folgen. Marseille ist eine Stadt der offenen Plätze und der geschlossenen Augen. Wer hier lebt, weiß, wann man spricht – und wann besser nicht. Ein junger Mann murmelt, dass er den Einsatz gut findet, „mal ehrlich, endlich passiert was“, sagt er und huscht weiter. Eine ältere Frau hingegen schüttelt den Kopf: „Die kommen, zeigen sich und gehen wieder.“ Man hört Bitterkeit, aber auch Müdigkeit.
Vielleicht liegt genau zwischen diesen beiden Stimmen die Bedeutung dieses Tages.
Denn der Einsatz zeigt zweierlei gleichzeitig: die enorme Kraft staatlichen Handelns – und die Tiefe der Probleme in diesen Vierteln, die sich nicht allein durch Festnahmen lösen lassen. Ein Großaufgebot kann Strukturen stören, Wege unterbrechen, Tageseinnahmen verhindern. Aber es verändert noch nicht die sozialen Linien, die hier über Jahrzehnte entstanden sind. Dennoch hinterlässt dieser Dienstag das Gefühl, dass ein Ruck durch die Stadt gegangen ist.
Die Beamten, die sich durch verlassene Kellerräume und dunkle Hausflure arbeiten, wirken entschlossen, beinahe stoisch. Es sind Szenen, die man in Marseille zu oft gesehen hat – und die doch jedes Mal aufs Neue zeigen, wie hart dieser Kampf geworden ist. Und wie sehr die Menschen, die hier leben, auf einem Alltag ohne Angst hoffen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob dieser Einsatz mehr war als ein symbolischer Donnerschlag. Für heute hat er ein Zeichen gesetzt, das in den Gassen von Marseille nachhallt.
Autor: Daniel Ivers