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Alle Artikel · 12.10.2025 07:38

Matmatah – Drei Jahrzehnte Rock aus der Bretagne: Zwischen Sturm, Salz und Saiten

Es gibt Bands, die verschwinden so leise, wie sie gekommen sind. Und es gibt Matmatah.Gegründet 1995 im grauen, salzgetränkten Brest, sind sie drei Jahrzehnte später noch immer da – laut, lebendig, widersprüchlich. Während viele...

Es gibt Bands, die verschwinden so leise, wie sie gekommen sind. Und es gibt Matmatah.
Gegründet 1995 im grauen, salzgetränkten Brest, sind sie drei Jahrzehnte später noch immer da – laut, lebendig, widersprüchlich. Während viele französische Rockgruppen jener Ära längst in Nostalgie oder Nebel untergegangen sind, hat Matmatah das Kunststück geschafft, alt zu werden, ohne alt zu klingen.

Geburt eines bretonischen Rockwunders

Am Anfang waren zwei Jungs mit Gitarren und Beatles-Songs. Tristan „Stan“ Nihouarn und Cédric Floc’h, damals als Duo Tricards Twins unterwegs, spielten in kleinen Bars und Kneipen, träumten von großen Bühnen und klangen nach Amerika, nicht nach Armorika. Erst als der Bassist Éric Digaire und der Schlagzeuger Jean-François Paillard hinzukamen, wurde daraus Matmatah – benannt nach einem troglodytischen Dorf in Tunesien, in dem Stan als Kind gelebt hatte.

Und dann ging alles sehr schnell. Mit dem ersten Single-Doppel „Lambé An Dro / Les Moutons“ brach ein frischer Wind über die bretonische Musikszene herein: Rock, der nach Guinness und Gischt schmeckte, mit Texten, die zwischen Poesie, Protest und Pub-Philosophie pendelten. Der Erfolg explodierte mit dem Debütalbum La Ouache (1998) – ein Bastard aus bretonischem Tanz, britischem Rock und französischer Chanson-Attitüde.

Der Clou: Sie spielten mit der Folklore, ohne ihr zu verfallen. Wo andere Dudelsäcke in die Mitte rückten, stellten Matmatah die E-Gitarre voran – laut, verzerrt, bretonisch im Herzen, aber universell im Klang.

Höhenflug, Bruch und Wiederauferstehung

Von 1998 bis 2008 war Matmatah so etwas wie das Rückgrat einer neuen französischen Rockgeneration. Rebelote (2001) löste sich etwas vom keltischen Klang und zeigte eine Band, die mehr wollte als die Rolle des bretonischen Maskottchens. Archie Kramer (2004) wagte sich an psychedelischere Strukturen, La Cerise (2007) schließlich an ein härteres, fast aggressives Soundgewand.

Doch der Preis war hoch. Erfolg frisst Energie, Tourneen zerren an Nerven, und kreative Differenzen tun ihr Übriges. 2008 verkündet die Band ihre Auflösung. Das Kapitel Matmatah scheint beendet – ein letzter Akkord, ein letzter Applaus.

Aber Rock ist zäh. 2016, acht Jahre später, stehen sie plötzlich wieder auf der Bühne. Mit Emmanuel Baroux an der Gitarre und einem neuen Album, Plates Coutures (2017), melden sich Matmatah zurück. Kein bloßes Revival, sondern eine Neujustierung. Ihre Texte sind reifer, sozial schärfer, weniger betrunken vom eigenen Ruhm. Und als 2022 der junge Gitarrist Léopold „Léo“ Riou hinzustößt, öffnet sich ein neues Kapitel.

Miscellanées Bissextiles, das Doppelalbum von 2023, ist kein Rückblick, sondern eine Bestandsaufnahme: eine Gruppe, die sich immer noch traut, laut zu denken. Und im November 2024 soll Brest, ein Live-Album aus ihrer Heimatstadt, erscheinen – eine Rückkehr dorthin, wo alles begann.

“Rock si breton” – mehr als ein Slogan

Was heißt eigentlich „Rock si breton“?
Ein Witz? Ein Statement? Vielleicht beides.

In dieser Formel steckt das Selbstverständnis von Matmatah: Sie sind Bretons, ja – aber sie spielen keinen Musikantentourismus. Ihre Bretagne ist nicht die Postkartenidylle mit Steinkreisen und folkloristischen Tänzen, sondern eine raue, arbeitende, vom Wind gezeichnete Landschaft. Der Hafen, die Kneipen, der salzige Humor – das alles schwingt in ihrer Musik mit.

Wenn Stan Nihouarn auf der Bühne singt, dann klingt das nach Atlantik und Asphalt, nach Melancholie und Matsch. Die keltischen Elemente – Flöten, Harmonien, Rhythmen – tauchen auf, verschwinden wieder, mischen sich mit britischen Gitarrenriffs und französischer Sprachmelodie. Das ist kein Rückzug in Tradition, sondern eine ständige Verhandlung zwischen Herkunft und Zukunft.

Drei Jahrzehnte, drei Wahrheiten

Erstens: Matmatah haben sich nie in Nostalgie gesuhlt.
Jedes Album ist ein Versuch, neu anzufangen – härter, klarer, manchmal unbequemer. Ihre Musik ist kein Museum, sondern Werkstatt.

Zweitens: Sie haben ein Publikum, das mitgewachsen ist.
Die Fans von damals bringen heute ihre Kinder mit. Auf Konzerten treffen sich Dreißigjährige mit grauen Schläfen und Jugendliche mit frisch bestickten Breizh-Kappen. Matmatah verbinden Generationen, weil sie nie versucht haben, jemand anderes zu sein.

Drittens: Ihre Bretagne ist nicht folkloristisch, sondern global.
Sie tragen das Lokale wie eine zweite Haut, aber sie predigen keine Identitätspolitik. In einer Zeit, in der kulturelle Grenzen oft verhärtet werden, ist ihre Musik das Gegenteil: offen, ironisch, welthaltig.

Der lange Atem eines Rocklebens

Dreißig Jahre – das klingt nach Bilanz, aber für Matmatah fühlt es sich eher nach Etappe an. Sie haben die französische Rockszene umgekrempelt, sich mit Traditionen angelegt, sich selbst neu erfunden. „Rock si breton“ ist längst kein Werbespruch mehr, sondern ein Versprechen: dass man sich treu bleiben kann, auch wenn man sich verändert.

Vielleicht ist das ihr eigentliches Geheimnis – dieser unbändige Wille, Musik zu machen, die atmet wie die Küstenluft von Brest: salzig, frei, ungezähmt.

Und wer sie live erlebt, weiß: Dreißig Jahre Matmatah sind kein Jubiläum. Es ist ein Sturm, der einfach nie aufgehört hat zu toben.

Von C. Hatty

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