Alle Artikel · 22.01.2026 08:33
Mit 13 im Drogengeschäft: Wie Marseille seine Kinder verliert
Es beginnt oft beiläufig. Ein Morgen wie jeder andere, ein Jugendlicher ohne festen Halt, ein Satz, der das Leben kippen lässt. „Ich wollte arbeiten“, sagt Kaïs. Dreizehn Jahre alt war er damals. Dreizehn. In...
Es beginnt oft beiläufig. Ein Morgen wie jeder andere, ein Jugendlicher ohne festen Halt, ein Satz, der das Leben kippen lässt. „Ich wollte arbeiten“, sagt Kaïs. Dreizehn Jahre alt war er damals. Dreizehn. In den nördlichen Vierteln von Marseille bedeutet dieser Satz nicht Zeitung austragen oder Regale einräumen. Er bedeutet Drogengeschäft. Wachestehen. Geld zählen. Schweigen lernen.
Kaïs erzählt seine Geschichte heute mit ruhiger Stimme, fast sachlich. Vielleicht, weil Aufregung hier niemandem hilft. Vielleicht auch, weil man mit 19 schon zu viel gesehen hat. Sechs Jahre lang gehörte er zu den kleinen Rädchen im großen Getriebe des organisierten Drogenhandels. Erst als sogenannter „Guetteur“, einer, der am Rand steht und pfeift, wenn die Polizei kommt. Dann als Verkäufer, später als Verantwortlicher für einen ganzen Dealpunkt. Eine Karriere, die in keinem Lebenslauf auftaucht, aber in vielen Vierteln Frankreichs erschreckend vertraut klingt.
130 bis 140 Euro am Tag, erzählt Kaïs, habe er als Kind verdient. Bar auf die Hand. Mehr Geld, als seine Eltern je regelmäßig sahen. Eine Woche Arbeit, dann ging es shoppen. Lacoste von Kopf bis Fuß. Anerkennung, Status, ein kurzer Rausch. Wer will es einem Dreizehnjährigen verdenken, dass er sich davon blenden lässt? Schule war da längst kein Thema mehr. Der Unterricht hatte verloren gegen das echte Leben, gegen schnelle Scheine und klare Regeln: Funktionierst du, bekommst du Geld. Machst du Fehler, fliegst du raus – oder Schlimmeres.
Mit vierzehn, fünfzehn Jahren rutscht Kaïs tiefer hinein. Verkäufer, Transporter, schließlich „Gérant“, der Mann für alles. Er teilt die Schichten ein, zahlt die anderen aus, springt ein, wenn jemand fehlt. Verantwortung, sagen sie. 500 Euro am Tag, manchmal mehr. Doch Verantwortung heißt hier auch: Wenn etwas schiefläuft, stehst du vorne. Du bist sichtbar. Und damit ein Ziel.
Die Gewalt kommt nicht schleichend, sie kommt abrupt. Zwei Uhr nachts. Ein Auto. Schüsse. Kaïs wird am Bein getroffen, fällt, stellt sich tot. Kollegen bringen ihn ins Krankenhaus. Ein Moment, der alles hätte ändern können. Tat er aber nicht. Kaïs kehrt zurück an den gleichen Ort, zu den gleichen Risiken. Die Strippenzieher sieht er nie. Die sitzen im Ausland oder im Gefängnis, denken nach, planen, telefonieren. Schlafen ruhig, sagt Kaïs. Die unten zahlen den Preis.
Diese Erzählung stammt aus einem Bericht, ausgestrahlt im Abendjournal von France 2. Seltene Bilder, seltene Worte. Ein Jugendlicher, der offen sagt, wie früh der Staat ihn verloren hat. Wie wenig Alternativen es gab. Wie normal das Abgleiten erschien. Und wie schwer der Ausstieg ist, selbst wenn man ihn wirklich will.
Der Wendepunkt kommt nicht aus Einsicht, sondern aus Erschöpfung. Kaïs wird mit einem Kilo Drogen festgenommen. Acht Monate Haft. Kein Jugendgefängnis mehr, sondern Erwachsenenknast. Beton, Zeit, Stille. Nach der Entlassung lebt er in einem besetzten Haus, wenige Meter von seinem alten Dealpunkt entfernt. Kein Einkommen. Keine Perspektive. Nur ein Sozialarbeiter, der ihn kennt, weil er selbst hier aufgewachsen ist. Einer, der schon zu viele unter weißen Laken gesehen hat. „Ich dachte, er ist der Nächste“, sagt er.
Kaïs sagt heute, er wolle raus. Ganz raus. „Wenn ich sterbe, dann lieber an einer Krankheit im Krankenhaus“, sagt er. „Nicht auf der Straße.“ Ein Satz, der hängen bleibt. So nüchtern, so bitter. Und so jung. Mit 19 über den eigenen Tod nachzudenken, das ist keine normale Biografie. Das ist ein Alarmzeichen.
Was danach kommt, ist das eigentliche Drama. Mit der Volljährigkeit endet in Frankreich oft die sozialpädagogische Begleitung. Wer mit 18 aus dem Gefängnis kommt und zuvor Dealer war, fällt durch jedes Raster. Keine Nachbetreuung, keine strukturierte Hilfe. Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache: Rund 90 Prozent kehren zurück in den Drogenhandel. Nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie kaum eine andere Wahl sehen. Arbeit? Wer stellt einen ein, der mit 13 angefangen hat zu dealen und keine Schulabschlüsse vorweisen kann? Ausbildung? Schön wär’s. Wohnung? Ohne Geld, ohne Garant, praktisch unmöglich.
Manchmal sitzt man als Journalist vor solchen Geschichten und denkt: Das kann doch nicht wahr sein. Doch genau darin liegt die Wahrheit. Sie ist leise, unspektakulär und unerquicklich. Kein Actionfilm, keine Glamourwelt. Nur Kinder, die zu früh erwachsen werden müssen und Erwachsene, die zu früh sterben.
Marseille steht hier exemplarisch für viele Städte in Europa. Die Mechanismen ähneln sich, die Gesichter wechseln. Kaïs ist kein Einzelfall, er ist ein Symptom. Eines Systems, das wegschaut, solange die Gewalt sich auf bestimmte Viertel konzentriert. Und das überrascht tut, wenn die Spirale sich weiterdreht.
Vielleicht beginnt Veränderung damit, diesen Stimmen zuzuhören. Ohne Voyeurismus, ohne moralischen Zeigefinger. Einfach zuhören. Und dann handeln. Denn eines ist klar: Wer mit 13 „arbeiten“ geht, hat vorher schon verloren.
Von Daniel Ivers