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À la une · 04.11.2025 09:04

Mord an einem Anwalt – und ein Prozess, der viel mehr ist als nur ein Strafverfahren

Ein Justizdrama, das über ein Jahrzehnt alt ist, entfaltet sich nun vor den Augen der Öffentlichkeit: Der Mord an dem korsischen Anwalt Antoine Sollacaro wird seit dem 3. November 2025 vor dem Schwurgericht der...

Ein Justizdrama, das über ein Jahrzehnt alt ist, entfaltet sich nun vor den Augen der Öffentlichkeit: Der Mord an dem korsischen Anwalt Antoine Sollacaro wird seit dem 3. November 2025 vor dem Schwurgericht der Bouches-du-Rhône in Aix-en-Provence verhandelt. Dreizehn Jahre nach der Tat. Und die Spannungen sind mit Händen zu greifen.

Die Geschichte beginnt mit einer Hinrichtung.

Am 16. Oktober 2012, einem Dienstagmorgen in Ajaccio, wird Antoine Sollacaro erschossen – kaltblütig, am Steuer seines Porsche, vor einer Tankstelle. Der Täter kam auf einem Motorrad, feuerte aus nächster Nähe und verschwand. Der Tod des prominenten Strafverteidigers erschütterte ganz Frankreich. Es war der erste Mord an einem Anwalt seit zwanzig Jahren.

Doch Sollacaro war nicht irgendein Jurist.

Er war eine Institution: ehemaliger Präsident der Anwaltskammer von Ajaccio, Verteidiger von Größen der korsischen Nationalisten-Szene wie Yvan Colonna oder Alain Orsoni. In seinen Plädoyers verband sich Justiz mit Politik, Strafrecht mit Identitätsfragen. Viele sahen in ihm den „Verteidiger Korsikas“. Umso größer der Schock – und die Frage: Wer hatte Interesse daran, diesen Mann zum Schweigen zu bringen?

Jetzt, dreizehn Jahre später, sitzen vier mutmaßliche Mitglieder der korsischen Mafia-GruppeLe Petit Bar“ auf der Anklagebank. Ihnen wird vorgeworfen, das Attentat geplant, unterstützt oder ausgeführt zu haben. Doch eine zentrale Figur fehlt: Jacques Santoni, angeblicher Auftraggeber, ist nach einem Motorradunfall fast vollständig gelähmt und prozessunfähig. Die Anklage gegen ihn wurde abgetrennt.

Ein schaler Beigeschmack bleibt.

Für die Familie des Ermordeten – seine Witwe, seine Kinder – ist das ein Schlag. Ihre größte Angst: Dass der Prozess zur Farce verkommt. Dass die wahren Drahtzieher ungeschoren davonkommen. Dass der Mord an einem Mann des Rechts nicht restlos aufgeklärt wird. Wer sich ein Bild vom Prozess machen will, sollte sich auf komplexe Verflechtungen und viele unbeantwortete Fragen einstellen.

Denn der Fall hat Sprengkraft.

Nicht nur wegen der prominenten Figur des Opfers, sondern auch wegen der kriminellen Netzwerke, die durch den Prozess ins Licht rücken könnten. „Le Petit Bar“ ist in Korsika kein Mythos, sondern Realität: eine Bande, die mit Erpressung, Drogenhandel, Geldwäsche und mutmaßlich mehreren Auftragsmorden in Verbindung gebracht wird. Ein kriminelles Geflecht, das nicht selten besser organisiert scheint als so manche staatliche Behörde.

Und dann ist da noch der Ort des Verfahrens.

Nicht auf Korsika, sondern in Aix-en-Provence. Ein symbolischer Akt – gedacht als Schutz vor Einflussnahme, Einschüchterung, lokalem Druck. Doch auch das trägt zur Spannung bei. Wird das Verfahren als gerecht empfunden? Oder als eine Entscheidung von oben, die der korsischen Realität nicht gerecht wird?

Die Liste der offenen Fragen ist lang.

Wie lässt sich nach so langer Zeit noch lückenlos rekonstruieren, wer was tat? Wer gab den Auftrag, wer führte aus, wer hielt still? Und was ist mit möglichen politischen oder wirtschaftlichen Hintergründen? Der Prozess muss Antworten liefern – trotz fehlender Hauptfigur, trotz verwaschener Spuren.

Ein Scheitern wäre ein Desaster.

Für das Vertrauen in den Rechtsstaat. Für die Familie Sollacaro. Und für all jene, die hoffen, dass auch mächtige Netzwerke nicht über dem Gesetz stehen. Denn ein Mord an einem Anwalt ist mehr als ein Verbrechen – es ist ein direkter Angriff auf die Justiz als Institution. Auf das Fundament unseres Rechtsverständnisses.

Der Prozess ist daher auch ein Lackmustest.

Für den französischen Staat, der zeigen muss, dass seine Justiz unabhängig, schlagkräftig und unbestechlich ist – selbst wenn es unbequem wird. Für Korsika, das sich mit den Schattenseiten seiner Machtstrukturen konfrontiert sieht. Und für die Öffentlichkeit, die darauf hofft, dass Wahrheit nicht durch Zeit und Einfluss verschwimmt.

Eine rhetorische Frage sei erlaubt: Was bleibt von einem Prozess, wenn der Hauptangeklagte fehlt und die Wahrheit im Nebel bleibt?

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob dieser Prozess seinem historischen Gewicht gerecht werden kann – oder ob er als vertane Chance in die Geschichtsbücher eingeht.

Autor: Andreas M. Brucker

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