Aktuell · 22.06.2026 13:06
Mutter in Bobigny als “psychologische Bobo” bezeichnet – Untersuchung eingeleitet
In Bobigny wurde eine Mutter, die wegen sexueller Belästigung ihres Sohnes klagte, im Urteil als "psychologische Bobo" diffamiert. Justizminister Gérald Darmanin ordnete eine Untersuchung an.
Bobigny – 22.06.2026: Ein Urteil am Gericht von Bobigny hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Im Fall einer Mutter, die ihren siebenjährigen Sohn wegen sexueller Belästigung angezeigt hatte, wurde sie in der Urteilsbegründung als "psychologische Bobo" bezeichnet. Dieses abwertende Urteil rief heftige Kritik hervor, darunter vom französischen Justizminister Gérald Darmanin. Er verurteilte den Vorgang als "extrem schwerwiegend und unethisch" und ordnete eine Untersuchung an, um dem Obersten Rat der Magistratur (Conseil Supérieur de la Magistrature, CSM) mögliche Disziplinarmaßnahmen vorzuschlagen.
Die Mutter, selbst Psychologin, hatte ihren Sohn in eine Therapie geschickt, nachdem das Kind von sexuellen Übergriffen durch seinen Babysitter berichtet hatte. Trotz eines Freispruchs für den Babysitter, weil die Befragung des Kindes als nicht ausreichend spezifisch eingestuft wurde, bestätigten die Richter dem Kind Glauben. Doch in der schriftlichen Urteilsbegründung wurde die Mutter kritisiert: Sie habe "überreagiert" und ihren Sohn in einen "Wahn der Viktimisierung sexueller Gewalt" geführt.
Diese Formulierung sorgte besonders für Empörung. Der Anwalt der Familie berichtete, er habe die Begründung erst acht Monate nach der Verhandlung erhalten und sei schockiert über den "absurden und fast beleidigenden Ton" gewesen. Er bezeichnete die Formulierungen als "völlig unvorstellbar" und forderte die Überprüfung des Urteils.
Die Präsidentin des Gerichts von Bobigny, Anne Auclair-Rabinovitch, zeigte sich ebenfalls bestürzt über die Vorkommnisse. Sie nannte den Vorfall "unerträglich" und kündigte an, gegen den oder die Verantwortlichen sowohl disziplinarische als auch organisatorische Maßnahmen einzuleiten. Die Justizbehörde möchte so sicherstellen, dass solche ethisch fragwürdigen Aussagen in der Rechtsprechung nicht toleriert werden.
Justizminister Darmanin wies darauf hin, dass Kläger, Zivilparteien und insbesondere Opfer den vollen Respekt des Justizdienstes verdienen müssten. Die laufende Untersuchung soll Klarheit schaffen und dazu beitragen, den öffentlichen Glauben an die Integrität der Justiz zu erhalten. Die Ergebnisse werden bereits am kommenden Montag erwartet.
Der Fall hat eine breite Debatte ausgelöst über den Umgang mit Opfern sexueller Gewalt und die Verantwortung der Justiz, in solchen sensiblen Fällen mit der gebotenen Sorgfalt und Respekt vorzugehen. Viele Stimmen fordern nun eine Sensibilisierung der Richter und einen besseren Schutz der Opfer, auch gegenüber möglichen Vorurteilen innerhalb der Justiz.
Die Affäre zeigt, wie schwierig und emotional belastend Prozesse um sexuelle Übergriffe sein können, und wie wichtig es ist, dass die Justiz professionell und respektvoll agiert, um das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen nicht zu gefährden.
Quellen
- AFP
- Le Vif
- La Dépêche du Midi