Abonnenten · 10.06.2026 08:01
Mysteriöser Tod eines seltenen Tiefseewals: Forscher vermuten schwere Infektion
Der Tod eines seltenen Schnabelwals, der bereits am 28. Mai an der Atlantikküste bei Capbreton angeschwemmt wurde, beschäftigt weiterhin Wissenschaftler und Naturschützer. Nach ersten Untersuchungen, die am 9. Juni bekannt wurden, verdichten sich die...
Der Tod eines seltenen Schnabelwals, der bereits am 28. Mai an der Atlantikküste bei Capbreton angeschwemmt wurde, beschäftigt weiterhin Wissenschaftler und Naturschützer. Nach ersten Untersuchungen, die am 9. Juni bekannt wurden, verdichten sich die Hinweise darauf, dass das junge Tier an den Folgen einer schweren Infektion gestorben sein könnte. Zu diesem Ergebnis kommen die bislang ausgewerteten Analysen des französischen Meeressäuger-Forschungszentrums Pelagis. Endgültige Gewissheit gibt es allerdings noch nicht. Weitere Laboruntersuchungen laufen derzeit.
Der Wal war am 28. Mai am Strand von La Piste in Capbreton entdeckt worden. Das ungewöhnliche Ereignis sorgte sofort für große Aufmerksamkeit. Zahlreiche Schaulustige beobachteten die Rettungsversuche, bei denen Surfer, Rettungskräfte, Feuerwehrleute und Spezialisten des nationalen Netzwerks für Meeressäuger gemeinsam versuchten, das Tier zurück ins offene Meer zu bringen. Mehrfach gelang es, den Wal wieder ins Wasser zu geleiten. Doch immer wieder kehrte er in Richtung Küste zurück – ein Verhalten, das bei geschwächten oder kranken Meeressäugern häufig beobachtet wird. Wenig später verendete das Tier.
Besonders bemerkenswert ist die Identität des gestrandeten Wals. Experten identifizierten ihn als True-Schnabelwal, eine der am wenigsten erforschten Walarten der Welt. Diese Tiere leben normalerweise in großen Tiefen des Golfs von Biscaya und werden nur äußerst selten gesichtet. Viele Aspekte ihrer Lebensweise, ihrer Wanderungen und ihres Gesundheitszustands sind bis heute weitgehend unbekannt.
Unmittelbar nach dem Tod des Tieres führten Wissenschaftler eine umfassende Untersuchung des Kadavers durch. Bereits die ersten Ergebnisse ließen Zweifel an einigen der zunächst diskutierten Ursachen aufkommen. Hinweise auf eine Kollision mit einem Schiff oder auf schwere äußere Verletzungen fanden die Experten nicht. Auch ein Zusammenhang mit den derzeit laufenden Unterwasserarbeiten für den Ausbau der Strominfrastruktur vor der Küste von Capbreton konnte bislang nicht festgestellt werden.
Stattdessen rückt nun eine natürliche Ursache zunehmend in den Vordergrund. Die bei der Obduktion entnommenen Gewebe- und Organproben weisen nach Angaben der Forscher auf eine starke Infektion hin. Eine solche Erkrankung könnte das Tier erheblich geschwächt und orientierungslos gemacht haben. Bei Walen führen schwere Infektionen nicht selten dazu, dass sie ihre Fähigkeit verlieren, Nahrung zu finden, Tauchgänge zu koordinieren oder ihren Kurs in den offenen Ozean beizubehalten.
Für die Wissenschaft ist der Fall von besonderem Interesse. Jeder gestrandete Schnabelwal liefert wertvolle Informationen über eine Tiergruppe, die sich dem menschlichen Blick normalerweise entzieht. Die nun laufenden Untersuchungen könnten nicht nur die genaue Todesursache klären, sondern auch neue Erkenntnisse über Gesundheitsrisiken und Krankheiten bei Tiefseewalen liefern.
Die endgültigen Ergebnisse werden in den kommenden Wochen erwartet. Sie könnten helfen, das Schicksal dieses außergewöhnlichen Besuchers der französischen Atlantikküste besser zu verstehen – und zugleich das Wissen über eine der geheimnisvollsten Walarten der Welt zu erweitern.
Daniel Ivers