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Alle Artikel · 13.02.2026 09:55

Nantes und die Hexen: Eine Ausstellung über Angst, Macht und das lange Gedächtnis Europas

Hinter den mächtigen Mauern des Château des ducs de Bretagne in Nantes entfaltet sich seit dem 7. Februar 2026 eine Ausstellung, die nicht bloß in die Welt des Aberglaubens führt, sondern tief hinein in...

Hinter den mächtigen Mauern des Château des ducs de Bretagne in Nantes entfaltet sich seit dem 7. Februar 2026 eine Ausstellung, die nicht bloß in die Welt des Aberglaubens führt, sondern tief hinein in das Herz europäischer Geschichte. Das Musée d’histoire de Nantes widmet sich mit der Schau „Sorcières“ einer Figur, die zwischen Mythos und mörderischer Realität oszilliert: der Hexe.

Wer eintritt, begegnet keiner folkloristischen Jahrmarktsromantik. Keine putzigen Zauberhüte, kein wohlfeiles Gruselkabinett. Stattdessen eine präzise, historisch dichte Annäherung an eine der größten Verfolgungswellen Europas. Zwischen dem späten Mittelalter und dem Beginn der Neuzeit kam es zu schätzungsweise 110.000 bis 120.000 Hexenprozessen. Bis zu 90.000 Menschen verloren ihr Leben, zwei Drittel von ihnen Frauen.

Und hier liegt bereits die erste Irritation: Der Höhepunkt der Verfolgungen fiel nicht ins „finstere“ Mittelalter, sondern in die Zeit zwischen 1550 und 1700. Während Philosophen wie Descartes über Vernunft nachdachten und Naturforscher den Himmel vermessen wollten, tobte zugleich eine Welle institutionalisierter Angst. Das 17. Jahrhundert – Epoche der Wissenschaft – zeigte auch sein anderes Gesicht.

Die Ausstellung macht diesen Widerspruch zum roten Faden. Wie konnte eine Gesellschaft, die sich zunehmend rational verstand, derart systematisch irrationale Gewalt entfesseln? Die Antwort fällt unbequem aus.

Mehr als 150 Exponate – darunter Gerichtsmanuskripte, Kupferstiche, Gemälde und Verhörinstrumente – verdichten sich zu einem Panorama zerbrochener Biografien. Was auf dem Papier wie eine abstrakte Zahl erscheint, erhält ein Gesicht. Da ist die Heilerin, die mehr wusste als geduldet war. Die Witwe ohne männlichen Schutz. Die Arme, die auffiel. Die Unangepasste. Kurz: Frauen, die in hierarchischen, patriarchalen Gesellschaften keinen festen Halt hatten.

Die Kuratoren verzichten auf effekthascherische Dramaturgie. Stattdessen erzählen sie Geschichten. Und plötzlich sitzt man da und denkt: Das waren keine Märchenfiguren. Das waren Nachbarinnen.

Hexerei erscheint in Nantes nicht als spontane Massenhysterie, sondern als Werkzeug sozialer Kontrolle. Anklagen speisten sich aus Nachbarschaftsstreitigkeiten, ökonomischen Spannungen, religiösen Konflikten. In einer von Kriegen und Krisen erschütterten Welt bot die Hexe eine Projektionsfläche. Ein Sündenbock – praktisch, greifbar, vernichtbar.

Gerichte, kirchliche Autoritäten, lokale Machthaber strukturierten diese Verfolgungen. Nichts daran war zufällig. Die Hexenjagd folgte Regeln, Aktenlagen, Protokollen. Gerade das macht sie so erschreckend modern.

Die Szenografie verstärkt diesen Eindruck. Historische Objekte verschränken sich mit visuellen Installationen und interaktiven Elementen. Der Besucher bleibt nicht bloß Betrachter, er gerät in eine Rolle, in der er Entscheidungen, Zuschreibungen, Urteile nachempfindet. Man ertappt sich bei dem Gedanken: Hätte ich damals gezweifelt – oder mitgemacht?

Besonders eindrucksvoll wirkt der letzte Teil der Ausstellung, der die Metamorphose der Hexe nachzeichnet. Im 19. Jahrhundert romantisierte man sie literarisch. Im 20. Jahrhundert tauchte sie als Popkulturfigur auf. Heute gilt sie mancherorts als Symbol weiblicher Selbstermächtigung. Aus dem Opfer wurde eine Ikone. Verrückt, oder?

Dieser Bedeutungswandel zeigt, wie sehr Gesellschaften ihre Symbole neu schreiben. Die Hexe verschwand nicht – sie wechselte nur die Rolle.

Dass ausgerechnet Nantes eine solche Ausstellung ausrichtet, überrascht kaum. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Ort kritischer Erinnerungskultur profiliert. Auch schmerzhafte Kapitel der eigenen Geschichte blieben nicht ausgespart. „Sorcières“ fügt sich in diese Tradition ein.

Was bleibt nach dem Rundgang?

Nicht nur das Entsetzen über die Brutalität vergangener Jahrhunderte. Sondern die leise Ahnung, dass Mechanismen der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, des Sündenbockdenkens keineswegs verschwunden sind. Sie tragen nur andere Namen.

Die Hexen von einst halten uns einen Spiegel vor.

Und der Blick hinein fällt erstaunlich gegenwärtig aus.

Autor: C.H.

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