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Alle Artikel · 01.04.2025 10:03

Netflix-Serie über Bertrand Cantat und Marie Trintignant: Eine längst überfällige Abrechnung

Zwei Jahrzehnte sind seit dem Tod von Marie Trintignant vergangen – und doch wirkt alles noch schmerzhaft nah. Die neue Netflix-Dokuserie De rockstar à tueur : Le cas Cantat holt den Fall, der Frankreich...

Zwei Jahrzehnte sind seit dem Tod von Marie Trintignant vergangen – und doch wirkt alles noch schmerzhaft nah. Die neue Netflix-Dokuserie De rockstar à tueur : Le cas Cantat holt den Fall, der Frankreich erschütterte, zurück ins Rampenlicht. Drei Folgen, knapp 40 Minuten pro Episode, reichen aus, um eine Welle der Debatte auszulösen – und alte Wunden wieder aufzureißen.

Denn dieser Fall hat alles: Liebe, Ruhm, Gewalt und ein tragisches Ende.

Bertrand Cantat, einst gefeierter Frontmann der Band Noir Désir, wurde 2003 zur tragischen Figur – nicht etwa als Opfer, sondern als Täter. In einem Hotelzimmer in Vilnius schlägt er seine damalige Partnerin, Schauspielerin Marie Trintignant, so brutal, dass sie wenige Tage später stirbt. Die Serie zeigt nicht nur, was geschah – sie seziert den gesamten Fall aus der Perspektive des Jahres 2025. Und diese Perspektive ist klar: Es war kein „Unfall“. Es war ein Femizid.

Die erste Folge stellt die entscheidende Frage noch einmal ganz nüchtern: Ist Marie Trintignant durch einen Unfall gestorben? Cantat hatte in seiner ersten Aussage gesagt, sie sei nach einem Streit gefallen, habe sich vielleicht am Heizkörper gestoßen. Später gesteht er, ihr mehrmals mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen zu haben – heftig, mit Ringen an den Fingern. Auslöser war ein harmloser Textnachricht von Trintignants Ex-Partner, die in Cantat rasende Eifersucht auslöste.

Der Gerichtsmediziner, der damals die Autopsie durchführte, lässt an der Unfallthese kein gutes Haar. Er spricht von „einer Orgie der Gewalt“: Mehrere Schläge, Verletzungen am Schädel, eine zertrümmerte Nase, ein eingedrückter Kehlkopf. „So etwas passiert nicht in Sekunden. Das war eine regelrechte Tortur“, erklärt er.

Schockierend ist nicht nur die Tat selbst – sondern auch die gesellschaftliche Reaktion darauf. Die Serie zeigt, wie Medien Cantat teilweise als leidendes Genie darstellten. Als Opfer seiner Leidenschaft. Als Mann, der „aus Liebe“ tötete. Worte wie „Tragödie“ oder „Leidenschaftsverbrechen“ verharmlosen, was eigentlich auf der Hand liegt: Ein Mann hat eine Frau totgeschlagen.

Noch absurder: Auch Marie Trintignant geriet in die Kritik. Ihr Lebensstil, ihre Beziehungen, ihr Konsum von Alkohol und Cannabis – plötzlich spielte all das eine Rolle. Als ob man sich seinen eigenen Tod mit einem Glas Wein verdient haben könnte.

Und dann kommt da noch eine zweite Frau ins Spiel: Krisztina Rády. Cantats Ehefrau, Mutter seiner Kinder. Sie hatte ihn 2003 vor Gericht verteidigt – mit Nachdruck. Kein Wort über Gewalt, keine Vorwürfe. Ihre Aussage war mitentscheidend für das milde Urteil: acht Jahre Haft, von denen Cantat nach nur vier Jahren freikam.

Doch das ist nicht das Ende. 2010 nimmt sich Krisztina Rády das Leben. In einem aufwühlenden Anruf auf dem Anrufbeantworter ihrer Eltern sprach sie Monate zuvor von Angst, von psychischem Druck, davon, dass Cantat „verrückt“ sei. Ihr Sohn fand sie leblos auf, Cantat schlief im Wohnzimmer.

War es wirklich Selbstmord – oder das letzte Kapitel eines toxischen Systems?

Ein ehemaliges Mitglied von Noir Désir behauptet in der Doku, es habe schon vor Marie Trintignants Tod Gewalt gegeben. Gegen Krisztina, gegen andere Frauen. Und: Nach dem Tod von Marie habe es einen Pakt gegeben – ein Schweigekartell, das Cantat schützen sollte.

Die Serie kommt ganz ohne Sensationshascherei aus. Sie ist schmerzhaft ehrlich und mutig. Sie fragt, wie es sein kann, dass ein Mann nach einer solchen Tat wieder auf Tour geht, neue Musik veröffentlicht, und in Teilen der Öffentlichkeit sogar gefeiert wird. Dass Demonstrationen gegen seine Auftritte als überzogen gelten, während seine Opfer kaum Gehör fanden.

Die Reaktionen sind – wie zu erwarten – gespalten. Auf YouTube und in sozialen Netzwerken streiten sich Befürworter und Kritiker. Die einen fordern, Cantat endlich in Ruhe zu lassen. Die anderen sind dankbar für eine Dokumentation, die das Schweigen bricht. Eine Nutzerin schreibt: „Ich wusste all das nicht. Jetzt bin ich wütend.“

Und genau darum geht es.

Denn was diese Doku schafft, ist mehr als eine Nacherzählung. Sie ist ein Weckruf. Ein Mahnmal dafür, wie leicht wir als Gesellschaft versagen können – und wie dringend wir andere Geschichten brauchen. Geschichten, in denen Täter nicht als tragische Helden inszeniert werden. Geschichten, in denen Opfer endlich gehört werden.

Vielleicht wäre Marie Trintignant heute noch am Leben, hätte man früher hingesehen. Vielleicht auch Krisztina Rády.

Aber „vielleicht“ rettet niemanden.

Catherine H.

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