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Alle Artikel · 09.05.2025 10:01

Neue Grenzkontrollen sorgen für Ärger – Kehl und Straßburg empört über deutsches Vorgehen

Stillstand am Rhein – und das mitten am 8. Mai. Während in Frankreich der Tag der Befreiung gefeiert wird, sorgt eine Entscheidung des neuen deutschen Innenministers Alexander Dobrindt für dicke Luft. Denn an der...

Stillstand am Rhein – und das mitten am 8. Mai. Während in Frankreich der Tag der Befreiung gefeiert wird, sorgt eine Entscheidung des neuen deutschen Innenministers Alexander Dobrindt für dicke Luft. Denn an der deutsch-französischen Grenze geht plötzlich nichts mehr wie gewohnt: Autos stauen sich, TGVs bleiben stehen und der Tramverkehr ist lahmgelegt. Was ist da eigentlich los?

Die Antwort: Dobrindt hat durchgegriffen. Seit dem frühen Donnerstagmorgen kontrolliert die deutsche Bundespolizei verstärkt an den Grenzübergängen – und das ziemlich rigoros. Die offizielle Begründung: mehr illegale Einreisen sollen verhindert, mehr Menschen ohne gültige Papiere abgewiesen werden. Für viele jedoch fühlt sich das Ganze an wie ein politischer Rückschritt.

https://twitter.com/F3Alsace/status/1920720493767725147

Ein Tag der Versöhnung – mit einem politischen Dämpfer

Ausgerechnet am 8. Mai, dem Tag der deutsch-französischen Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs, trifft diese Maßnahme mitten ins Herz des Grenzalltags. Jeanne Barseghian, Bürgermeisterin von Straßburg, und ihr Kehler Kollege Wolfram Britz reagieren empört: „Das ist ein Affront gegenüber den vielen Menschen, die täglich diese Grenze überqueren – zum Arbeiten, zum Einkaufen, zum Leben.“

Die Entscheidung fällt nicht nur unglücklich mit dem Gedenktag zusammen, sie zeigt laut den beiden Bürgermeistern auch „einen erschreckenden Mangel an historischem Feingefühl“. Die Symbolkraft des Datums – in einer Zeit, in der europäische Zusammenarbeit wichtiger denn je scheint – hätte kaum größer sein können.


Was genau hat sich geändert?

Das neue Grenzregime hat seine Wurzeln in der politischen Kehrtwende unter Bundeskanzler Friedrich Merz. Innenminister Dobrindt (CSU), bekannt für seine harte Linie, will die Migrationspolitik seines Landes neu ordnen. Eine zentrale Änderung betrifft eine Verordnung aus dem Jahr 2015: Damals hatte Deutschland angesichts der Flüchtlingskrise Millionen Menschen – vor allem aus Syrien und Afghanistan – die Einreise auch ohne gültige Papiere ermöglicht.

Diese Regelung wurde nun aufgehoben. Künftig gilt: Wer keine Dokumente vorzeigen kann, wird zurückgewiesen – mit wenigen Ausnahmen wie für schwangere Frauen oder unbegleitete Kinder. Dobrindt betont, dass es sich nicht um Grenzschließungen handelt, sondern um „verstärkte Kontrollen mit dem Ziel, die Zahl der Zurückweisungen zu erhöhen“.

https://twitter.com/dnatweets/status/1920504785943351549

Alltag im Kontrollmodus

Die Auswirkungen waren sofort sichtbar. Eine französische Reisende, unterwegs im TGV Richtung Frankfurt, berichtet frustriert: „Wir standen ewig in Kehl – Kontrolle, Ausweiskontrolle, Gepäck durchwühlen.“ Auch Autofahrer mussten sich auf Geduld einstellen – auf dem Europabrückchen ist am Freitag nur eine Fahrspur geöffnet.

Eine Kellnerin in einem Kehler Restaurant beschreibt die Stimmung: „Kaum Gäste, leere Tische. Viele wussten offenbar schon, dass man heute besser zu Hause bleibt.“ In sozialen Netzwerken mehrten sich Berichte von verpassten Terminen, verspäteten Pendlern und völlig überforderten Grenzbeamten – viele von ihnen wussten nicht einmal, wie lange die Maßnahmen andauern sollen.


Einseitiger Alleingang?

Die Kritik kommt nicht nur aus Frankreich. Auch die Schweiz zeigt sich irritiert. In einer offiziellen Stellungnahme hieß es, man bedaure die deutschen Maßnahmen – nicht nur wegen der fehlenden Absprache, sondern auch, weil sie „eine Verletzung geltenden Rechts“ darstellen. In Polen forderte Premierminister Donald Tusk die deutsche Regierung auf, ihren Fokus auf die EU-Außengrenzen zu legen – nicht auf den Nachbarn.

Die Stoßrichtung ist klar: Berlin agiert zu eigenmächtig, zu abrupt. Das Vorgehen rüttelt an einem der Grundpfeiler der EU – der Reisefreiheit innerhalb des Schengen-Raums.


Sicherheitsbedürfnis versus europäische Realität

Natürlich gibt es auch Stimmen, die Dobrindts Kurs unterstützen. „Mehr Kontrolle heißt auch mehr Sicherheit“, sagt ein deutscher Polizist. Und tatsächlich – die verstärkten Maßnahmen zeigen Wirkung: Zahlreiche illegale Grenzübertritte konnten laut Behörden bereits verhindert werden.

Aber zu welchem Preis?

Wer fast zehn Jahre auf eine enge, reibungslose Nachbarschaft am Rhein gebaut hat, fühlt sich nun zurückgeworfen in eine Zeit, die längst überwunden schien. Für viele Pendler und Bewohner beiderseits der Grenze ist das nicht nur eine logistische Belastung – sondern ein emotionaler Schlag ins Gesicht.


Ein falsches Signal zur falschen Zeit

Die deutsch-französische Freundschaft hat in ihrer Geschichte viele Stürme überstanden – Kriege, Krisen, politische Eiszeiten. Und gerade deshalb wiegt ein solcher Einschnitt schwer. Dass ausgerechnet der 8. Mai für den Start der neuen Maßnahmen gewählt wurde, empfinden viele als respektlos.

Man fragt sich unweigerlich: Wollte man damit ein Zeichen setzen? Wenn ja, an wen – und mit welcher Botschaft?

Denn eines steht fest: Die deutsch-französische Zusammenarbeit lebt vom Vertrauen, vom Dialog und vom täglichen Miteinander. Diese Grundlage darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden – schon gar nicht aus innenpolitischem Kalkül.

Von Andreas M. B.

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