Alle Artikel · 27.07.2025 06:59
„Nourrir, pas empoisonner“ – Frankreichs Spitzenköche rebellieren gegen die Pestizidpolitik der Regierung
In Frankreich regt sich breiter Widerstand gegen die sogenannte „Loi Duplomb“, ein kürzlich verabschiedetes Gesetz, das die Wiedereinführung bestimmter, bislang verbotener Pestizide erlaubt. Was zunächst nach einem rein agrarpolitischen Vorgang klingt, hat sich binnen...
In Frankreich regt sich breiter Widerstand gegen die sogenannte „Loi Duplomb“, ein kürzlich verabschiedetes Gesetz, das die Wiedereinführung bestimmter, bislang verbotener Pestizide erlaubt. Was zunächst nach einem rein agrarpolitischen Vorgang klingt, hat sich binnen weniger Tage zu einer nationalen Kontroverse ausgeweitet – mit Akteuren, die sonst selten politisch in Erscheinung treten: Frankreichs Spitzenköche.
400 Vertreterinnen und Vertreter der Gastronomie – darunter international renommierte Küchenchefs wie Jacques Marcon, Mauro Colagreco und Olivier Roellinger – haben sich in einem offenen Brief in Le Monde deutlich gegen das Gesetz positioniert. Ihre zentrale Botschaft: „Wir kochen, um zu ernähren, nicht um zu vergiften.“
Symbolischer Schulterschluss gegen ein umstrittenes Gesetz
Der Aufschrei der französischen Gastronomie kommt nicht aus dem leeren Raum. Die Loi Duplomb, benannt nach dem französischen konservativen Politiker und Landwirt Laurent Duplomb, sieht die befristete Zulassung mehrerer Pestizide vor, die zuvor wegen ihrer potenziell gesundheits- und umweltschädlichen Wirkung verboten waren – darunter Substanzen mit nachgewiesener Persistenz und Toxizität gegenüber Insekten, Böden und möglicherweise auch Menschen. Laut Angaben des Landwirtschaftsministeriums sollen die Ausnahmeregelungen vor allem Obst- und Gemüseproduzenten helfen, die sich gegenüber Importprodukten aus Drittstaaten benachteiligt sehen.
Doch gerade diese Argumentation stößt auf Widerstand: „Wir wollen keine Chancengleichheit im Vergiften“, so Glenn Viel, Drei-Sterne-Koch und Juror der TV-Show Top Chef, in einem Interview mit dem Onlinemagazin Vert. Die Küche sei Teil eines Systems, das auf Qualität, Nachhaltigkeit und Vertrauen beruhe – ein Rückschritt bei den Standards gefährde dieses Gleichgewicht.
Eine Bewegung jenseits der Restaurantküche
Dass sich eine Berufsgruppe, die traditionell zurückhaltend in politischen Debatten agiert, nun so geschlossen und offensiv positioniert, ist bemerkenswert. Der Appell der Köchinnen und Köche trifft einen Nerv: Innerhalb kürzester Zeit unterzeichneten über 1,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger eine Onlinepetition, die den Rückzug der Loi Duplomb fordert – ein Rekord in der Geschichte Frankreichs.
Die Debatte ist damit längst nicht auf die Salons der Haute Cuisine beschränkt. Umweltorganisationen, Verbraucherschützer und Vertreter der ökologischen Landwirtschaft schließen sich dem Protest an. Sie verweisen auf wissenschaftliche Studien, die eine Korrelation zwischen Pestizidbelastung und Rückgang der Biodiversität sowie langfristigen Gesundheitsrisiken nahelegen. Der Conseil National de l’Alimentation hatte bereits im vergangenen Jahr auf die Notwendigkeit eines agrarökologischen Paradigmenwechsels hingewiesen.
Konfliktlinien zwischen Landwirtschaft, Umwelt und Handelspolitik
Die Loi Duplomb steht damit exemplarisch für einen strukturellen Zielkonflikt in der französischen und europäischen Agrarpolitik: Einerseits existiert der Anspruch, den Binnenmarkt ökologisch zu transformieren – etwa durch die „Strategie vom Hof auf den Tisch“ im Rahmen des European Green Deal. Andererseits wächst der Druck, die Wettbewerbsfähigkeit nationaler Agrarbetriebe zu sichern, gerade im globalisierten Lebensmittelhandel.
Die Rücknahme von Verboten – auch befristet – wird von vielen als Rückschritt empfunden. Kritiker sehen darin ein Einknicken vor agrarindustriellen Lobbyinteressen. Olivier Roellinger, langjähriger Verfechter nachhaltiger Küche, nennt die Loi Duplomb „eine Einladung zur Selbstvergiftung unter dem Deckmantel der wirtschaftlichen Vernunft“. Tatsächlich hat Frankreich in den letzten Jahren bereits mehrere Versuche unternommen, umwelttoxische Substanzen wie Neonikotinoide zu verbieten – nur um sie anschließend in Krisensituationen wieder temporär zuzulassen.
Politik unter Druck – und die Rückkehr des Gewissens der Gastronomie
Die Regierung gerät nun zunehmend in die Defensive. Premierminister François Bayrou kündigte einen „breiten gesellschaftlichen Dialog“ an, doch bislang bleibt unklar, ob es tatsächlich zu einer parlamentarischen Neubewertung kommen wird. Der konservative Senator (LR) Laurent Duplomb verteidigt sein Vorgehen als „pragmatischen Kompromiss“.
Für viele ist die politische Rücksichtnahme auf wirtschaftliche Zwänge jedoch nicht länger akzeptabel. Gerade aus der Gastronomie kommt der Impuls, Ernährung nicht nur als Privatangelegenheit, sondern als politische Praxis zu verstehen. „Wir Köche stehen am Ende einer Kette, deren Anfang auf dem Acker liegt“, schreiben die Unterzeichner des offenen Briefes – und fordern ein agrarisches System, das „den Menschen und den Planeten respektiert“.
Die Debatte über die Loi Duplomb markiert einen bemerkenswerten Wendepunkt in der politischen Kultur Frankreichs. Wo einst Spitzenköche sich in der Kunst des Schweigens übten, artikuliert sich nun ein neues berufliches Gewissen – eines, das kulinarische Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Es bleibt abzuwarten, ob die politische Klasse bereit ist, diesen Weckruf ernst zu nehmen.
Autor: Andreas M. Brucker