Aktuell · 30.06.2026 14:24
Pôle «cold cases» übernimmt Ermittlungen im Fall Robert Boulin, drei Richter eingesetzt
Das Pôle national für ungelöste Fälle in Nanterre übernimmt die Akte zum Tod des Ex-Ministers Robert Boulin. Drei Untersuchungsrichter wurden benannt und sollen die Ermittlungen unmittelbar fortführen.
Nanterre – 30.06.2026: Die Untersuchung zur Todesursache des früheren Ministers Robert Boulin wird erneut aufgenommen. Die Präsidentschaft des Gerichts von Nanterre teilte am 29. Juni mit, dass drei Untersuchungsrichter des Pôle national des crimes sériels et non élucidés (PCSNE) für die Akte bestimmt wurden und diese ohne Verzug weiterführen können. Damit setzt die Justiz eine Anfrage der Staatsanwaltschaft von Nanterre vom 26. Juni 2026 um.
Der Fall geht auf den 30. Oktober 1979 zurück. Boulin, damals Arbeitsminister unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing, wurde in einem Teich im Wald von Rambouillet tot aufgefunden. Offizielle Untersuchungen kamen seinerzeit zu dem Schluss, er habe Suizid begangen. Angehörige und Vertraute bestritten das wiederholt und fordern seit Jahrzehnten die Prüfung eines möglichen politischen Attentats. Die Kontroverse prägte mehrere Verfahrensphasen und sorgte regelmäßig für öffentliche Debatten über die damaligen Ermittlungsmethoden.
Bereits im April 2026 war die Akte vom Untersuchungsrichter in Versailles an das PCSNE verlegt worden; die Berufungskammer in Versailles bestätigte am 28. April 2026 die verfahrensleitenden Schritte. Mit der nun erfolgten formellen Zuweisung in Nanterre erhält das Dossier Zugang zu spezialisierten Ressourcen für Altfälle, darunter forensische Nachauswertungen, strukturierte Zeugenarbeit und interdisziplinäre Analysen. Das Gericht verweist auf den Auftrag des Pols, komplexe, lange zurückliegende Verfahren methodisch zu bündeln.
Den Angaben zufolge richten sich die wiederaufgenommenen Ermittlungen auf schwerwiegende Tatbestände, darunter Freiheitsberaubung mit Todesfolge sowie möglicher Mord. Konkrete Ermittlungsansätze wurden nicht öffentlich gemacht. Hintergrund sind neue Anträge und die anhaltende Forderung der Familie nach einer vollständigen Neubewertung der Umstände, einschließlich der damaligen Spurensicherung und der Plausibilität konkurrierender Szenarien.
Cold-Case-Einheiten arbeiten häufig mit aktualisierten DNA- und Materialanalysen, digitalen Rekonstruktionen und systematischer Aktenkritik. In historischen Verfahren bleibt zugleich die Zeit ein limitierender Faktor: Zeugen erinnern sich schlechter oder stehen nicht mehr zur Verfügung, Beweismittel altern oder sind nur eingeschränkt verwertbar. Der Schritt der Justiz zielt daher auch darauf, die verbleibenden Spuren strukturiert auszuschöpfen.
Politisch und institutionell signalisiert die Entscheidung, dass auch Fälle mit potenziell hohem öffentlichen Interesse erneut geprüft werden, wenn Verfahrensvoraussetzungen vorliegen. Wie lange die neue Instruktion dauern wird und ob sie zu Anklagen führt, ist offen. Die Gerichtsleitung betonte die Vertraulichkeit der laufenden Ermittlungen; weitere Informationen sollen nur bei verfahrensrelevanten Fortschritten mitgeteilt werden.
Quellen
- Franceinfo (RSS)
- TF1 Info
- Le Parisien