Alle Artikel · 30.06.2025 09:59
Private Züge rollen an: Transdev übernimmt erstmals eine TER-Linie zwischen Marseille und Nizza
Es ist ein Moment, der in Frankreichs Eisenbahngeschichte wohl lange nachhallen wird. Am 29. Juni 2025 hat erstmals ein privater Betreiber, Transdev, den Betrieb einer TER-Regionalzuglinie übernommen – und zwar auf der Strecke Marseille–Nizza,...
Es ist ein Moment, der in Frankreichs Eisenbahngeschichte wohl lange nachhallen wird.
Am 29. Juni 2025 hat erstmals ein privater Betreiber, Transdev, den Betrieb einer TER-Regionalzuglinie übernommen – und zwar auf der Strecke Marseille–Nizza, die bisher fest in der Hand der SNCF war.
Ein symbolischer Tag, der nicht nur für Pendler entlang der Côte d’Azur, sondern für ganz Frankreich eine neue Ära einläutet.
Die Ausschreibung dafür lief schon 2018, ausgelöst durch die von der EU verordnete Marktöffnung im Bahnverkehr. Nun hat Transdev den Zuschlag für zehn Jahre erhalten, ein Auftrag im Wert von rund 800 Millionen Euro. Ein sattes Paket.
Doch was bedeutet das konkret für Fahrgäste?
Mehr Verbindungen, mehr Komfort
Transdev plant nichts Geringeres als eine Verdopplung der täglichen Fahrten.
Statt bisher sieben werden wochentags 14 Hin- und Rückfahrten angeboten, am Wochenende sogar 16. Die Züge sollen stündlich verkehren – ein Quantensprung für eine Verbindung, die bislang vor allem durch ihre notorische Unzuverlässigkeit von sich reden machte. Denn nur 84,7 % der Züge waren zuletzt pünktlich.
Das Ziel von Transdev? 97 % Pünktlichkeit.
Eine Ansage, die viele Stammfahrer mit einem skeptischen Lächeln quittieren dürften – zu oft blieben sie in der Vergangenheit in stickigen Waggons zwischen Bandol und Cannes stehen.
Doch diesmal könnte sich wirklich etwas ändern. Die neuen Züge – Omneo Premium von Alstom – bieten Klimaanlage, WLAN, Steckdosen an jedem Platz, Fahrradabteile und bessere Barrierefreiheit.
Zouhir, ein Pendler aus Nizza, lachte laut auf, als er interviewt wurde: „Super, es gibt endlich Klimaanlage! Ich habe nur gesehen, dass alles neu ist.“
Sicherheit inklusive
Zusätzlich sind Sicherheitskräfte mit Bodycams an Bord, und das Personal wurde aufgestockt.
Eine kleine Revolution für eine Linie, die im Volksmund eher als „Bummelzug mit Aussicht“ denn als ernstzunehmende Alternative zur Autobahn galt.
Frankreich schaut hin
Kein Wunder, dass andere Regionen nun neugierig nach Südfrankreich blicken. Die Bretagne und Okzitanien halten sich noch zurück, sie wollen erst sehen, ob das Experiment glückt. Immerhin geht es um mehr als Fahrpläne – es geht um Gewerkschaften, Tarifstrukturen, Arbeitsplätze. Und natürlich: Prestige.
Herausforderungen bleiben
Doch nicht alles lief glatt. Alstom lieferte nur 7 der 16 bestellten Züge rechtzeitig. Transdev musste kurzerhand zusätzliche Züge mieten – was prompt Kritik der Gewerkschaften hervorrief, die Auswirkungen auf andere Linien der SNCF befürchten.
Denn jeder gemietete Zug fehlt anderswo.
Auch bleibt die Frage, wie gut sich zwei Anbieter auf demselben Schienennetz vertragen. Wer haftet bei Anschlussproblemen? Wer entschädigt, wenn Transdev-Züge pünktlich sind, aber SNCF-Anschlüsse platzen – oder umgekehrt? Die nationale Vereinigung der Fahrgastverbände warnt bereits vor einem Flickenteppich an Verantwortlichkeiten.
Trotz alledem spürt man entlang der Strecke eine vorsichtige Aufbruchsstimmung.
Wenn Transdev es schafft, pünktlicher und komfortabler zu fahren, könnten andere Regionen nachziehen. Ein Schub für Innovation, so hoffen Befürworter, und ein Weckruf für die SNCF, die jahrzehntelang konkurrenzlos war.
Die Frage, die bleibt: Sind private Betreiber wirklich der Schlüssel zu besseren Regionalzügen – oder nur ein weiteres Kapitel im französischen Bahn-Drama? Die kommenden Monate auf der Strecke Marseille–Nizza werden hoffentlich die Antwort liefern.
Denn wer täglich um 6:30 Uhr am Bahnhof steht, will keine politischen Manöver erleben, sondern schlicht: Ankommen. Ohne Ausreden. Ohne Verspätung. Mit funktionierender Klimaanlage.
Autor: Daniel Ivers