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Alle Artikel · 04.12.2025 11:25

„Quand la République tourne le dos à une part d’elle-même“ — Wenn Frankreich seine eigenen Werte verrät

Sie sind leise. Oft unsichtbar. Und doch allgegenwärtig. Diskriminierungen, die sich nicht laut, sondern mit subtilen Gesten, stummen Blicken, verschlossenen Türen und unausgesprochenen Urteilen Bahn brechen. In Frankreich wächst seit Jahren die Zahl der...

Sie sind leise. Oft unsichtbar. Und doch allgegenwärtig. Diskriminierungen, die sich nicht laut, sondern mit subtilen Gesten, stummen Blicken, verschlossenen Türen und unausgesprochenen Urteilen Bahn brechen. In Frankreich wächst seit Jahren die Zahl der Menschen, die genau solche Erfahrungen machen – weil sie religiös sind. Genauer: weil sie als Muslim:innen wahrgenommen werden.

Ein aktueller Bericht der Défenseure des droits schlägt Alarm. Die Diskriminierung aufgrund religiöser Zugehörigkeit nimmt zu. Die Zahlen sind eindeutig – und sie sind besorgniserregend.

Jede:r zwanzigste Befragte in einer landesweiten Erhebung berichtete, in den letzten fünf Jahren wegen seiner Religion benachteiligt worden zu sein. Klingt nach wenig. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein Abgrund: Ein Drittel der Muslim:innen in Frankreich – oder jener, die dafür gehalten werden – erlebt Diskriminierung am eigenen Leib. Vor wenigen Jahren war es noch ein Viertel. Die Kurve zeigt nach oben.

Und es trifft nicht alle gleich. Frauen, die ein Kopftuch tragen oder durch andere Merkmale als Musliminnen erkennbar sind, berichten besonders häufig von Benachteiligung. 38 Prozent – mehr als jede Dritte – erzählt von Ablehnung, Ausgrenzung, Einschränkung. Bei Männern derselben Glaubensrichtung liegt die Zahl etwas niedriger. Aber das Muster ist klar: Je sichtbarer der Glaube, desto größer die Gefahr, zur Zielscheibe zu werden.

Dabei geht es nicht nur um das Gefühl, schief angesehen zu werden. Es geht um Arbeitsplätze, Wohnungen, Bildungschancen, Behördenkontakte. Es geht um handfeste Nachteile – und um seelische Verletzungen. Angst, Isolation, wirtschaftliche Unsicherheit. Die Spirale ist bekannt, aber sie dreht sich weiter.

Ein paradoxer Befund rückt dabei ins Zentrum: Jene Maßnahmen, die angeblich gegen „Separatismus“ und „Kommunitarismus“ gerichtet sind, befeuern genau das, was sie verhindern wollen. Wer Menschen ausgrenzt, weil sie sich zu einer religiösen Gruppe bekennen, treibt sie an den Rand. Wer vermeintliche Neutralität durch strikte Verbote religiöser Zeichen durchsetzt, trägt zur Polarisierung bei.

Doch das ist nur ein Teil des Problems. Viel gravierender ist die stille Normalisierung der Ausgrenzung. Diskriminierung wird banalisiert, übersehen, heruntergespielt. Als ob sie zum Preis des Zusammenlebens gehörte. Als ob die Würde des Einzelnen verhandelbar wäre.

Die Ursachen reichen tief. Laizität, ein zentraler Pfeiler der französischen Republik, wird von vielen Menschen missverstanden – oder missbraucht. Fast ein Viertel der Befragten meint, sie bedeute ein allgemeines Verbot religiöser Zeichen im öffentlichen Raum. Das aber widerspricht sowohl dem Geist als auch dem Buchstaben des Gesetzes.

Was fehlt, ist nicht ein neues Gesetz. Es fehlt das Bewusstsein. Und das beginnt in der Schule. Die Verteidigerin der Rechte fordert ein eigenes Unterrichtsfach zur Laizität – bereits in der Grundschule. Es geht darum, Kindern zu vermitteln, dass Gleichheit nicht Gleichmacherei ist. Dass Freiheit auch Schutz vor Diskriminierung bedeutet. Und dass das Recht auf Religion nicht an der Schwelle zum Klassenzimmer oder Amt endet.

Gleichzeitig braucht es Reformen, die über die Symbolpolitik hinausgehen. Derzeit liegt der Fokus auf Einzelfällen – wer diskriminiert wird, muss selbst klagen, beweisen, durchhalten. Das ist realitätsfern. Viele Betroffene schweigen. Aus Angst, aus Resignation oder aus dem Gefühl, dass ohnehin nichts passiert.

Diese Lücke zu schließen, ist eine staatliche Aufgabe. Es braucht Strukturen, die Diskriminierung nicht nur bestrafen, sondern verhindern. Institutionen, die hinsehen. Verantwortliche, die handeln. Und eine Gesellschaft, die zuhört.

Denn was hier auf dem Spiel steht, ist nicht nur das Schicksal einiger Tausend Einzelner. Es geht um den sozialen Kitt der Republik. Um Vertrauen, Zugehörigkeit, Zukunft. Wenn Frankreich seinen eigenen Werten treu bleiben will – liberté, égalité, fraternité –, dann muss es auch den Mut aufbringen, sich den eigenen Schatten zu stellen.

Sonst wird das große Versprechen der Gleichheit zur leeren Formel. Und aus dem leisen Unrecht wird ein lautes Problem.

Autor: Andreas M. B.

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