Tag & Nacht

Das Rassemblement National (RN), angeführt von Jordan Bardella, steht als Favorit der anstehenden Parlamentswahlen am 30. Juni und 7. Juli im Rampenlicht. Trotz des Erfolgs bei den Europawahlen hat die Partei noch nie die Geschicke Frankreichs geleitet. Eine zentrale Frage bleibt: Verfügt der RN über ausreichend erfahrenes Personal in der obersten Verwaltungsebene, um das Land zu führen?

Ein unsicheres Terrain

Bardella behauptet selbstbewusst, dass der RN bereit sei, die Regierung zu übernehmen. Doch selbst innerhalb der Partei gibt es Zweifel. Die Forderung nach einer Auflösung der Nationalversammlung kam unerwartet, und die Partei wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Auch wenn die Kandidatenliste für die 577 Wahlkreise bereits steht, fehlen in den meisten Fällen die nötigen Vorbereitungen und die Erfahrung in der nationalen Verwaltung.

Die Jagd nach Kompetenzen

Um das Defizit an Regierungsfähigkeit zu kompensieren, bemüht sich der RN intensiv um erfahrene Politiker und Beamte der Republikanischen Partei (LR). Allerdings verliefen diese Bemühungen bisher größtenteils erfolglos, abgesehen von der Unterstützung durch Éric Ciotti.

Erfahrene Beamte im RN

Interessanterweise kann der RN bereits auf die Unterstützung einiger hochrangiger Beamter zählen. Im sogenannten Komitee der Horaces sind etwa dreißig noch anonym bleibende Mitglieder, darunter ehemalige Berater aus Ministerien und großen Unternehmen, vertreten. Diese Zusammenarbeit wird als ein bedeutender Gewinn dargestellt, doch die Präsenz solcher Beamter in der extremen Rechten ist keineswegs neu. Schon in den 80er und 90er Jahren gab es prominente Figuren bei der extremen Rechten wie Yvan Blot und Jean-Yves Le Gallou. Auch Persönlichkeiten wie Florian Philippot und Christophe Bay, beide Absolventen der Elite-Hochschule ENA, haben sich dem RN angeschlossen.

Mangelnde Ressourcen

Um dem Mangel an erfahrenem Personal entgegenzuwirken, hat der RN vor zwei Jahren eine eigene Kaderakademie gegründet, die von Jérôme Sainte-Marie geleitet wird. Allerdings beschränken sich die bisherigen Ergebnisse dieser Akademie hauptsächlich auf Dokumentationen auf der Website. Letztendlich setzt der RN auf den Effekt eines Regierungswechsels und hofft, dass die hohe Verwaltungsebene ohne Widerstand den neuen Machthabern dienen wird.

Ein innerer Widerspruch

Ein bemerkenswerter Widerspruch liegt in der Haltung des RN gegenüber den Technokraten. Jahrzehntelang wurden sie als Schuldige für den Niedergang des Landes angeprangert. Doch sobald einer von ihnen zum RN übertritt, wird er als bedeutender Gewinn gefeiert. Für den RN gibt es also den „guten“ Technokraten, der der Partei treu ist, und den „schlechten“, der sich nicht den Ideen des RN anschließt.

Eine ungewisse Zukunft

Ob der RN tatsächlich in der Lage ist, Frankreich zu regieren, bleibt abzuwarten. Die Partei steht vor der Herausforderung, nicht nur das Vertrauen der Wähler zu gewinnen, sondern auch ausreichend qualifiziertes Personal heranzuziehen, um die komplexen Aufgaben einer Regierung zu bewältigen. Kann der RN diese Hürden meistern, oder wird die fehlende Erfahrung in der Staatsführung zum Stolperstein?

Diese Frage bleibt spannend – ein Machtwechsel könnte neue Dynamiken und Herausforderungen mit sich bringen, die sowohl für die Partei als auch für das Land weitreichende Konsequenzen haben.


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