DIENSTAG, 21. JULI 2026 Anmelden / Beitreten Mitgliedskonto
Zurück

À la une · 08.07.2025 06:29

Rue d’Aubagne: Wenn Häuser töten – und die Verantwortlichen zu Hause bleiben dürfen

Marseille, 5. November 2018. Ein Morgen, der zunächst aussieht wie jeder andere im Viertel Noailles. Bäckereiduft liegt in der Luft, Busse rumpeln durch die engen Straßen, Nachbarn grüßen sich. Doch um 9 Uhr 05...

Marseille, 5. November 2018. Ein Morgen, der zunächst aussieht wie jeder andere im Viertel Noailles. Bäckereiduft liegt in der Luft, Busse rumpeln durch die engen Straßen, Nachbarn grüßen sich.

Doch um 9 Uhr 05 verwandelt sich diese Normalität in ein Trümmerfeld.

Die Häuser Nummer 63 und 65 der Rue d’Aubagne brechen in sich zusammen, als wären sie Kartenhäuser im Sturm. Innerhalb von Sekunden verlieren acht Menschen ihr Leben – Kinder, Mütter, Arbeiter.

Sie starben nicht durch ein Erdbeben, nicht durch eine Explosion, nicht durch einen Angriff.

Sie starben, weil ihre Häuser marode waren. Weil Risse ignoriert wurden. Weil niemand sie schützte.

Ein Drama, das nie hätte passieren dürfen

Schon Jahre vor dem Einsturz gab es Risse in den Wänden. Die Bewohner hörten Knacken, spürten Zittern, rochen Feuchtigkeit.

Sie meldeten es. Immer wieder.

Aber was passierte? Gar nichts. Ein endloses Pingpong zwischen Eigentümern, Hausverwaltungen und Behörden, bei dem am Ende niemand verantwortlich sein wollte. Die Angst der Mieter wurde weggelächelt, ihre Stimmen verhallten im Lärm der Stadt.

Und jetzt, fast sieben Jahre später, hat das Gericht gesprochen.

Haftstrafen – aber ohne Gefängnismauern

Am 7. Juli 2025 hat das Tribunal Correctionnel de Marseille sein Urteil verkündet. Drei der 16 Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt – allerdings unter Hausarrest mit elektronischer Fußfessel.

Darunter Xavier Cachard, Anwalt, Politiker, Eigentümer. Vier Jahre Haft, davon zwei Jahre auf Bewährung, plus eine Geldstrafe von 100.000 Euro. Das Gericht sprach von einer "Strategie der Obstruktion" – er habe notwendige Sanierungsarbeiten blockiert, mit einer Mischung aus Arroganz und Zynismus.

Auch Gilbert Ardilly, Besitzer einer der Wohnungen, erhielt vier Jahre Haft, davon zwei Jahre auf Bewährung. Sein Sohn Sébastien wurde zu drei Jahren verurteilt, zwei davon auf Bewährung. Martine Ardilly, die Ehefrau von Gilbert, erhielt drei Jahre auf Bewährung.

Eine Familie, die laut Gericht wusste, dass ihre Häuser bröckelten – und trotzdem nichts tat.

Ein Gerichtssaal voller Tränen, Wut und Enttäuschung

Während das Urteil verlesen wurde, herrschte im Saal eine Stimmung aus Betroffenheit und bitterer Ironie. Anissa Harbaoui, Co-Präsidentin der "Assemblée des délogés", nannte das Urteil „kläglich milde“. Andere nannten es „lächerlich“ – wie Homeoffice für Verbrecher.

„Am Ende gehen wieder nur die Armen ins Gefängnis“, hörte man eine Frau sagen, deren Cousine bei dem Einsturz starb.

Verantwortung hat viele Gesichter – aber keine Konsequenzen?

Neben den Eigentümern standen auch Politiker und Experten vor Gericht. Julien Ruas, ehemaliger stellvertretender Bürgermeister von Marseille für Wohnungsfragen, erhielt zwei Jahre auf Bewährung und darf fünf Jahre lang kein öffentliches Amt mehr ausüben.

Richard Carta, der Architekt, der das Gebäude drei Wochen vor dem Einsturz begutachtete, wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Außerdem darf er nie wieder als Baugutachter arbeiten.

Jean-François Valentin, Geschäftsführer der Hausverwaltung, bekam drei Jahre auf Bewährung. Das zuständige Verwalterbüro Liautard muss über 100.000 Euro Strafe zahlen.

Eine ganze Kette von Mitwissern, Wegsehern, Verantwortlichen – die nun verurteilt sind. Aber nicht hinter Gittern sitzen.

Warum sterben Menschen immer noch in baufälligen Häusern?

Das Urteil gilt als wegweisend. Zum ersten Mal in Frankreichs Geschichte hat ein Gericht so umfassend Eigentümer, Verwalter, Gutachter und Politiker für ein solches Drama haftbar gemacht.

Ein klares Signal: Wer ein Haus besitzt, trägt Verantwortung – auch strafrechtlich.

Doch was ändert es für die Tausenden in Marseille, die weiter in einsturzgefährdeten Wohnungen leben?

Marseille bleibt eine tickende Zeitbombe

Die Krise des Wohnens ist in Marseille kein Randproblem. Tausende Menschen leben hier in Wohnungen, die jederzeit einstürzen könnten – buchstäblich. Viele Häuser stammen aus dem 19. Jahrhundert, sind marode, feucht, zerfressen von der Zeit.

Sanierungen? Zäh und schleppend, oft blockiert durch Rechtsstreitigkeiten, Geldmangel oder schlicht Desinteresse. Politische Programme? Gibt es. Doch der reale Wandel kriecht wie eine Schnecke durch die engen Gassen von Marseille.

Die Rue d’Aubagne ist längst ein Symbol. Für Vernachlässigung. Für Armut. Für das Versagen eines Systems, das Profit über Menschen stellt.

Eine Wunde, die nicht heilen will

Die Bilder vom Einsturz jagen noch heute vielen Marseillais Schauer über den Rücken. Staubwolken, zerborstene Balken, Schreie. Die Überlebenden, die ihre Freunde und Verwandten verloren, haben einen Sieg vor Gericht errungen – aber keinen Frieden gefunden.

Denn das Gefühl bleibt: Wer wenig hat, lebt gefährlich. Und stirbt ungehört.

Ob dieser Prozess tatsächlich etwas verändert, bleibt offen.

Vielleicht werden Eigentümer und Verwalter künftig nervös, wenn Mieter Risse melden. Vielleicht wird der politische Wille stärker, Marseille von seinen einsturzgefährdeten Ruinen zu befreien.

Vielleicht aber bleibt alles beim Alten, bis das nächste Haus fällt.

Denn in Frankreich, so scheint es, muss erst ein Haus einstürzen, bevor jemand den Putz von der Fassade kratzt und den wahren Zustand offenlegt. Und – muss wirklich noch jemand sterben, bevor eine Stadt ihre Verantwortung ernst nimmt?

Autor: Daniel Ivers

Nachrichten per E-Mail erhalten

Mit dem kostenlosen Mitgliedskonto von France Premium legen Sie fest, welche Hinweise Sie per E-Mail bekommen möchten: sofort bei wichtigen Meldungen oder als ruhige Tageszusammenfassung.

  • News und Tageszeitung nach Ihren Interessen
  • Wetter- und Verkehrshinweise für gewählte Regionen
  • Fußball-Liveereignisse zu ausgewählten Teams
  • Rezepte, Kultur, Veranstaltungen und Premium-Hinweise
Newsletter bestellen

Die Anmeldung ist kostenlos. Sie können Ihre Auswahl jederzeit im Mitgliedskonto ändern oder abbestellen.