À la une · 11.03.2026 08:15
Schlag gegen die DZ Mafia: Französische Justiz nimmt marseiller Drogennetz ins Visier
Frühmorgens, noch bevor die Straßen von Marseille richtig erwachten, begann eine der größten Justizoperationen der vergangenen Jahre im Süden Frankreichs. Ermittler griffen gleichzeitig an mehreren Orten zu – Wohnungen, Treffpunkte, Gefängnisse. Am Ende standen...
Frühmorgens, noch bevor die Straßen von Marseille richtig erwachten, begann eine der größten Justizoperationen der vergangenen Jahre im Süden Frankreichs. Ermittler griffen gleichzeitig an mehreren Orten zu – Wohnungen, Treffpunkte, Gefängnisse. Am Ende standen 42 Festnahmen. Im Zentrum der Aktion: die sogenannte DZ Mafia, ein Drogennetzwerk, das in den vergangenen Jahren mit brutaler Gewalt und erstaunlich effektiver Organisation in der Unterwelt der Hafenstadt aufgestiegen ist.
Die Aktion traf nicht nur einfache Mitglieder des Netzwerks. Unter den Festgenommenen befinden sich auch drei mutmaßliche Drahtzieher, die bereits in Haft sitzen – sowie ein Strafverteidiger. Genau dieser Punkt sorgt derzeit für besonders viel Aufsehen. Denn der Verdacht lautet, dass der Anwalt dem Netzwerk geholfen haben könnte, über Gefängnismauern hinweg weiter zu operieren.
Die Ermittlungen liefen monatelang im Hintergrund.
Richter und Ermittler aus spezialisierten Einheiten bereiteten die Operation im Stillen vor. Schließlich erfolgten die Zugriffe nahezu gleichzeitig in mehreren südfranzösischen Départements – darunter Bouches-du-Rhône, Var, Vaucluse und Gard. Auch mehrere Haftanstalten gerieten in den Fokus. Die Gendarmerie aus Marseille koordinierte das Vorgehen, unterstützt von nationalen Spezialeinheiten.
Die Justiz verfolgt diesmal einen strategisch neuen Ansatz.
Statt einzelne Verbrechen – etwa Drogenhandel oder Gewalt – isoliert zu verfolgen, richtet sich die Untersuchung auf die Struktur der gesamten Organisation. Der Vorwurf lautet unter anderem, eine kriminelle Vereinigung geleitet zu haben, deren Hauptzweck im Drogengeschäft liegt. Dazu kommen Anschuldigungen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und schwerer Geldwäsche.
In der französischen Strafgesetzgebung zählt diese Einstufung zu den härtesten überhaupt. Im Extremfall droht lebenslange Haft.
Besonders im Fokus stehen drei Männer, die laut Ermittlern als zentrale Figuren des Netzwerks gelten. Trotz ihrer Inhaftierung sollen sie weiterhin Einfluss auf die Geschäfte ausgeübt haben. Ermittler gehen davon aus, dass Befehle aus den Gefängnissen nach draußen gelangten – über Mittelsmänner, verschlüsselte Kommunikation und ein dichtes Netz von Helfern.
Das System funktioniert erstaunlich effizient.
An der Basis stehen sogenannte „Charbonneure“ – junge Straßenverkäufer, die in den Vierteln den direkten Drogenhandel betreiben. Darüber folgen Logistik, Geldeinsammler und bewaffnete Vollstrecker. Ganz oben sitzen die Strategen, die meist im Hintergrund bleiben.
Ein Ermittler formulierte es einmal so: Dieses Netzwerk gleicht einer Hydra. Schneidet man einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach.
Der Fall des festgenommenen Anwalts verleiht der Affäre eine besonders brisante Note. Ermittler vermuten, dass der Jurist mit Mitgliedern des Netzwerks kooperiert haben könnte. Im Raum steht unter anderem der Verdacht, dass er dabei half, einem Gefangenen Zugang zu einem illegalen Telefon zu verschaffen. Solche Kommunikationskanäle ermöglichen es kriminellen Gruppen, ihre Geschäfte selbst hinter Gittern weiterzuführen.
Einige abgefangene Gespräche sollen sogar Hinweise auf ein mögliches Fluchtprojekt während eines zukünftigen Gerichtsprozesses enthalten haben.
Ob sich diese Vorwürfe bestätigen, klärt nun die Justiz. Klar ist nur: Wenn sich der Verdacht erhärtet, erschüttert das das Vertrauen in einen sensiblen Teil des Rechtssystems.
Die DZ Mafia tauchte zu Beginn der 2020er-Jahre erstmals deutlich auf dem Radar der Ermittler auf. Ihr Ursprung liegt in den nördlichen Stadtteilen von Marseille, einem Gebiet, das seit Jahrzehnten mit Drogenhandel und sozialer Spannung zu kämpfen hat. Der Name des Netzwerks verweist auf den internationalen Ländercode Algeriens – ein Hinweis auf die Herkunft einiger seiner Gründer.
Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die Gruppe zu einem der dominantesten Akteure im lokalen Drogengeschäft.
Besonders während der Pandemie festigte das Netzwerk seine Position. Während andere Lieferketten ins Stocken gerieten, blieb der Handel der DZ-Mafia erstaunlich stabil. Das verschaffte der Organisation zusätzliche Macht über mehrere Verkaufsorte in der Stadt.
Ab 2023 eskalierte die Gewalt.
Rivalitäten mit anderen Gruppen, insbesondere dem sogenannten Yoda-Clan, führten zu einer Reihe tödlicher Auseinandersetzungen. Dutzende Menschen verloren in diesen Konflikten ihr Leben. Marseille, ohnehin bekannt in Sachen Bandenkriminalität, geriet erneut ins nationale Rampenlicht.
Die aktuelle Operation signalisiert einen klaren politischen Willen.
Die Behörden versuchen inzwischen, nicht nur einzelne Täter zu fassen, sondern ganze Strukturen zu zerschlagen. Organisierte Drogennetzwerke ähneln zunehmend wirtschaftlich arbeitenden Unternehmen – mit Hierarchie, internationaler Logistik und ausgeklügelten Geldströmen.
Die Justiz steht daher vor einer langfristigen Herausforderung.
Denn selbst erfolgreiche Polizeischläge garantieren keinen endgültigen Sieg. In der kriminellen Ökonomie der Großstädte entstehen ständig neue Gruppen, die entstandene Lücken füllen.
Die kommenden Tage entscheiden, welche der festgenommenen Personen angeklagt werden und möglicherweise in Untersuchungshaft bleiben. Für die Ermittler stellt sich jedoch bereits jetzt eine größere Frage.
War dieser Schlag der Anfang vom Ende eines der gefürchtetsten Drogennetzwerke Frankreichs?
Oder nur ein weiteres Kapitel in einem Konflikt, der Marseille seit Jahren begleitet?
Autor: Daniel Ivers