Alle Artikel · 05.12.2025 07:11
Schüsse im Morgengrauen – Ein Dorf zwischen Selbstjustiz und Selbstschutz
Ein Schuss in der Nacht – und eine Gemeinde im Zwiespalt. Im beschaulichen Romagnieu, einem 1.700-Seelen-Ort in der französischen Region Isère, wurde der Alltag jäh aus den Angeln gehoben worden. Ein Autohändler, bekannt, beliebt,...
Ein Schuss in der Nacht – und eine Gemeinde im Zwiespalt. Im beschaulichen Romagnieu, einem 1.700-Seelen-Ort in der französischen Region Isère, wurde der Alltag jäh aus den Angeln gehoben worden. Ein Autohändler, bekannt, beliebt, unauffällig – hat auf einen 15-jährigen Einbrecher geschossen. Der Jugendliche überlebt, verletzt durch Schrotkugeln im Rücken. Zurück bleibt ein Dorf, das sich nun fragen muss: War das Notwehr – oder ging es zu weit?
Der Vorfall ereignete sich kurz nach Mitternacht, in der Nacht auf Dienstag, den 2. Dezember. Vier Jugendliche drangen in das Gelände der Werkstatt ein. Es war schon der zweite Einbruch in derselben Woche – beim ersten blieb es bei materiellem Schaden, diesmal floss Blut. Der Besitzer der Werkstatt nimmt sein Jagdgewehr, geht hinaus. Dann drückt er ab. Einmal. Der 15-Jährige fällt.
Der Schuss hallt nicht nur durch die Winternacht, sondern auch durch die Dorfgemeinschaft. Was für die einen ein legitimer Akt der Selbstverteidigung ist, ist für andere der Moment, in dem eine Grenze überschritten wurde. „Er hat doch nur seine Firma verteidigt“, sagt Emmanuel Faria, selbst Händler in Romagnieu. Seine Worte hallen wider wie das Echo der Tat. In einer Zeit, in der Kriminalität, Einbrüche und Überfälle in vielen Regionen Frankreichs gefühlt stark zunehmen, ist der Griff zur Waffe für manche keine Panikhandlung mehr – sondern fast schon ein Reflex.
Der Autohändler ist kein Unbekannter in der Gemeinde. „Ein ganz normaler Bürger“, sagt Bürgermeisterin Céline Reval. „Respektabel, ohne Geschichten – einer, der mit uns arbeitet, der immer da war.“ Ihre Worte sind getragen von einem spürbaren Willen zur Einordnung – oder zur Milderung. Denn was bleibt einer Bürgermeisterin anderes übrig, wenn ein angesehener Bürger plötzlich im Zentrum eines Gewaltakts steht?
Die Justiz sieht es differenzierter. Eine Information judiciaire – ein richterliches Ermittlungsverfahren – wurde eingeleitet, der Vorwurf: „Gewalt mit erschwerenden Umständen“. Der Garagist wurde zunächst festgenommen, dann unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Unterdessen ermittelt die Polizei auch gegen die Jugendlichen – wegen Diebstahls in Flagranti. Drei von ihnen wurden in Gewahrsam genommen, der Verletzte im Krankenhaus festgesetzt.
„Ich verstehe ihn, aber ich hätte nicht so gehandelt“, sagt Fabrice Lamberti, ebenfalls Inhaber einer Werkstatt. Seine Worte spiegeln das Dilemma vieler in der Gemeinde: Mitgefühl für den Nachbarn – und gleichzeitig die Ahnung, dass hier etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Denn was bedeutet es, „sich zu verteidigen“? Wo endet Schutz, wo beginnt Selbstjustiz?
Frankreich kennt diese Debatten. Immer wieder geraten Bürger in den Fokus, die ihre Geschäfte oder Häuser gegen Einbrecher verteidigen – mitunter mit tödlichem Ausgang. Die Rechtslage ist dabei klar, aber auch eng gefasst: Notwehr ist erlaubt, aber nur, wenn sie verhältnismäßig ist. Das heißt: Wenn das eigene Leben oder das anderer konkret in Gefahr ist. Eigentum allein genügt nicht.
Doch die Emotion sieht das oft anders als das Gesetz. Ein zweiter Einbruch, das Gefühl, allein zu sein mit der Angst, mit dem Frust, mit der Wut – all das bildet den Nährboden für Entscheidungen, die später schwer zu rechtfertigen sind. Und schwer zu vergessen.
Die Gemeinde Romagnieu steht nun vor der Herausforderung, beides zu bewältigen: das Mitgefühl für ein bekanntes Gesicht – und die rechtliche Bewertung eines ernsten Vorfalls. In den Gesprächen, die man derzeit auf der Straße, in den Werkstätten und Cafés hört, geht es um mehr als nur diesen einen Schuss. Es geht um das Verhältnis von Bürger und Staat, von Recht und Gerechtigkeit – und um die Frage, wie viel Eigenverantwortung eine Gesellschaft einem Einzelnen zumuten will.
Eines ist sicher: Die Wunde, die jener Schuss in der Nacht geschlagen hat, ist nicht nur physisch. Sie geht tiefer. Und sie heilt langsam.
Von Daniel Ivers