Alle Artikel · 27.03.2025 07:16
Selenskyj in Paris: Zwischen Waffenstillstand und Warnung vor Trump – die Ukraine sucht neue Garantien
Am 26. März 2025, am Tag vor dem internationalen Ukraine-Gipfel in Paris, trat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Fernsehinterview mit vier europäischen Journalisten auf – ausgestrahlt unter anderem von France 2. In...
Am 26. März 2025, am Tag vor dem internationalen Ukraine-Gipfel in Paris, trat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Fernsehinterview mit vier europäischen Journalisten auf – ausgestrahlt unter anderem von France 2. In dem fünfzigminütigen Gespräch unterstrich Selenskyj erneut die Dringlichkeit militärischer und diplomatischer Unterstützung durch den Westen. Seine Botschaft war ebenso kämpferisch wie strategisch: Die Ukraine braucht nicht nur Waffen – sie braucht Verlässlichkeit.
Ein partieller Waffenstillstand in der Schwarzmeerregion – mehr Vorteil für Moskau?
Ein zentrales Thema des Interviews war der mögliche Waffenstillstand in der Schwarzmeerregion, den sowohl Kiew als auch Moskau zuletzt ins Gespräch gebracht hatten. Selenskyj zeigte sich diesbezüglich skeptisch: Die Initiative komme vor allem Russland zugute, da es die Kontrolle über große Teile der dortigen Seewege längst verloren habe. Während die Ukraine dort militärisch gestärkt sei, wolle Russland nun diplomatisch Kontrolle über Transportkorridore für Nahrungsmittel- und Düngemittel-Exporte sichern – eine Forderung, die Selenskyj klar kritisch sieht.
Trotz einer Einigung in Teilen sieht Selenskyj den russischen Verhandlungsstil kritisch. Es gehe nicht nur um eine Deeskalation, sondern um politische Einflussnahme auf wichtige Handelsrouten. Die Ukraine werde sich diesem Druck nicht beugen, so der Präsident.
Kritik an Trump: „Narrativ des Kremls“ in Washington angekommen
Besondere Brisanz hatte Selenskyjs Einschätzung der amerikanischen Ukraine-Politik. Er warf der US-Regierung unter Donald Trump vor, dem russischen Narrativ zu nahe zu stehen. Insbesondere der neue US-Sondergesandte Steve Witkoff wiederhole „regelmäßig die Positionen des Kremls“. Diese Entwicklung könne die amerikanische Position gegenüber Russland schwächen – ein Signal, das in Kiew mit wachsender Besorgnis wahrgenommen wird.
Trotz dieser Kritik blieb Selenskyj diplomatisch. Trump habe jüngst militärische Hilfe freigegeben, was darauf hoffen lasse, dass er „die Bedrohung für die Ukraine ernst nimmt“. Doch das Vertrauen scheint begrenzt – die Sorge vor einer endgültigen Wende in der amerikanischen Außenpolitik ist spürbar.
Putins Angst vor der eigenen Bevölkerung
Auf die Frage, was den russischen Präsidenten Wladimir Putin heute noch beeinflussen könne, antwortete Selenskyj bemerkenswert offen: Nicht internationale Akteure oder Sanktionen, sondern die potenzielle Destabilisierung der russischen Gesellschaft sei Putins größte Furcht. Diese könne durch innere Unzufriedenheit oder wirtschaftliche Schwäche entstehen.
Selenskyj ging noch weiter: Putin habe Angst, die Kontrolle zu verlieren – nicht nur über den Staat, sondern über sein Erbe. „Er wird sterben, das ist ein Fakt. Und er kann entscheiden, ob er den Krieg vorher beendet.“ Selenskyjs Worte wirken weniger als Provokation denn als Appell an eine historische Verantwortung – mit Blick auf ein baldiges Ende des Konflikts.
Eingefrorene russische Vermögen für den Wiederaufbau und die Rüstung
Ein weiteres Anliegen Selenskyjs war die Forderung, eingefrorene russische Vermögen in Europa nicht nur zu blockieren, sondern aktiv zur Finanzierung des ukrainischen Verteidigungskampfs zu nutzen. „Die Bürokratie verlangsamt alles“, kritisierte der ukrainische Präsident. Dabei könne das Geld – nach EU-Angaben rund 300 Milliarden Euro – unmittelbar für Waffenproduktion verwendet werden, sowohl in der Ukraine als auch in Partnerstaaten.
Dieser Vorschlag ist in Europa nicht unumstritten, insbesondere in Deutschland und Belgien. Bislang werden nur die Zinserträge dieser Vermögen verwendet. Selenskyj drängt nun auf eine politische Entscheidung, die auch symbolisch deutlich machen würde: Der Aggressor muss zahlen – in materieller wie in politischer Hinsicht.
Ein Wettlauf um die Wiederbewaffnung nach dem Krieg
Angesichts der Unsicherheit über den weiteren Kriegsverlauf betonte Selenskyj, wie wichtig eine rasche Aufrüstung nach einem möglichen Waffenstillstand wäre – sowohl für die Ukraine selbst als auch für Europa. „Wenn es einen Waffenstillstand gibt, wird es für uns dien Zeit sein, uns zu stärken. Und es muss schnell gehen“, sagte er. Besonders lobte er die Anstrengungen Deutschlands, dessen jüngste Investitionen in die Verteidigung – insbesondere im Bereich Flugabwehr – ein Beispiel für andere Staaten sein sollten.
Selenskyjs strategische Überlegung: Nur wenn Russland erkennt, dass es einem gut ausgerüsteten Europa gegenübersteht, lässt sich ein neuer Angriff dauerhaft verhindern. Verteidigung sei daher nicht nur eine Frage der ukrainischen Souveränität, sondern der europäischen Friedensordnung.
NATO-Mitgliedschaft bleibt Kernanliegen – trotz US-Absagen
In der Debatte um langfristige Sicherheitsgarantien bekräftigte Selenskyj seinen Wunsch nach einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine. Auch wenn einige europäische Länder bereits über die Entsendung von Truppen zur Friedenssicherung sprechen – etwa Frankreich und das Vereinigte Königreich –, sei das westliche Bündnis „die beste Sicherheitsgarantie“. Allerdings zeigte sich der ukrainische Präsident ernüchtert: Die Vereinigten Staaten seien derzeit nicht bereit, diesen Schritt zu ermöglichen.
Daher ruft er seine Partner auf, vor allem die Luftverteidigung der Ukraine massiv zu stärken und sämtliche Brigaden „vollständig auszustatten“. Die ukrainische Armee sei derzeit die letzte Schutzlinie „zwischen den Russen und der zivilisierten Welt“.
Ein diplomatischer Drahtseilakt vor dem Pariser Gipfel
Selenskyjs Auftritt so kurz vor dem internationalen Gipfel war mehr als eine mediale Positionierung: Es war ein Versuch, eine europäische Sicherheitsarchitektur neu zu denken – mit der Ukraine als aktiver Bestandteil. Zwischen einem zunehmend unzuverlässigen Amerika und einem aggressiven Russland sucht Kiew neue Allianzen, neue Garantien und vor allem eines: Verlässlichkeit.
Ob diese Appelle Gehör finden, wird sich beim Pariser Gipfel zeigen – dort, wo Europas Sicherheit künftig mit dem ukrainischem Schicksal verknüpft werden könnte.
P.T.