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Alle Artikel · 12.09.2025 07:05

Solidarität in Saint-Brieuc: Wie Studierende sich gegen Armut stemmen

Es könnte überall in Frankreich sein, doch es ist in Saint-Brieuc besonders sichtbar: junge Menschen, die nach den Vorlesungen nicht in die Mensa, sondern zur Lebensmittelausgabe gehen. Nicht, weil sie es sich so ausgesucht...

Es könnte überall in Frankreich sein, doch es ist in Saint-Brieuc besonders sichtbar: junge Menschen, die nach den Vorlesungen nicht in die Mensa, sondern zur Lebensmittelausgabe gehen. Nicht, weil sie es sich so ausgesucht hätten – sondern weil der Kühlschrank leer ist. Prekäre Lebensbedingungen gehören für viele Studierende längst zum Alltag. Und trotzdem: Aus dieser Not heraus entsteht eine neue Form der Stärke – Solidarität, organisiert von Studierenden selbst.

Wenn das Geld nicht reicht

Seit Oktober 2024 organisiert der Zusammenschluss Coasalim 22 alle zwei Wochen Lebensmittelverteilungen auf dem Campus Mazier. Zwischen 30 und 50 Studierende stehen dort regelmäßig an. Eine Zahl, die zeigt: Hier geht es nicht um Einzelfälle, sondern um eine breitere Notlage.
Hélène, 19 Jahre alt, bringt es auf den Punkt: „Mit meiner monatlichen Unterstützung von 145 Euro bleiben mir nach Abzug der Fixkosten weniger als 100 Euro für Essen und Hygiene. Ohne diese Verteilungen könnte ich nicht durchhalten.“

Und Hélène ist keine Ausnahme. Frankreichweit greift fast jeder fünfte Student auf Lebensmittelhilfe zurück, mehr als ein Drittel verzichtet sogar auf Mahlzeiten, weil das Geld nicht reicht. Armut ist keine graue Theorie – sie bedeutet knurrender Magen.

AGORAé: Mehr als nur eine günstige Einkaufsmöglichkeit

Doch mitten in dieser angespannten Lage gibt es Orte, die Hoffnung machen. Einer davon heißt AGORAé, ein von Studierenden geführter Solidar-Supermarkt auf dem Campus. Wer hier einkauft, zahlt nur rund zehn Prozent der üblichen Supermarktpreise – für manche Produkte sogar gar nichts.

Doch AGORAé ist weit mehr als eine günstige Einkaufsstelle. Es ist Treffpunkt, Rückzugsraum, ein Ort für Gespräche, an dem niemand schief angeschaut wird, wenn er mit leerem Portemonnaie kommt. Ehrenamtliche, die meist selbst studieren, organisieren nicht nur die Lagerbestände, sondern vermitteln auch weiterführende Hilfen. Hier entsteht ein Stück Campusgemeinschaft, das nicht auf Leistung, sondern auf Zusammenhalt basiert.

Geteilte Verantwortung in der ganzen Stadt

Die Studierenden sind nicht allein. Auch etablierte Organisationen wie die Banque alimentaire, die Croix-Rouge oder der Secours populaire engagieren sich und schließen die Reihen. Auf dem Gelände der Askoria-Fachschule finden zusätzliche Lebensmittelverteilungen statt, die gezielt junge Mütter, Alleinerziehende und Auszubildende erreichen sollen.

Man spürt: Es geht längst nicht mehr um punktuelle Aktionen, sondern um eine städtische Bewegung. Saint-Brieuc zeigt, was möglich ist, wenn unterschiedliche Akteure an einem Strang ziehen. Vielleicht nicht das große System, aber immerhin ein Netz, das hält.

Zwischen Improvisation und Politik

So bewundernswert dieses Engagement ist – es bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn lokale Hilfsstrukturen ersetzen keine verlässliche Sozialpolitik. Immer lauter fordern die Studierenden deshalb nachhaltige Maßnahmen: einen flächendeckenden Ein-Euro-Mensa-Tarif, die Anhebung der Stipendien oder schlicht mehr bezahlbaren Wohnraum.

Die Botschaft ist klar: Wer Bildung für alle verspricht, darf Studierende nicht in Armut abrutschen lassen. Sonst kippt aus der Hoffnung auf Aufstieg schnell die Realität der Resignation.

Hoffnung durch Zusammenhalt

Und dennoch: Gerade in Saint-Brieuc zeigt sich, dass junge Menschen nicht einfach abwarten, bis Hilfe von oben kommt. Sie organisieren sich, teilen, helfen, stemmen sich mit Kreativität und Pragmatismus gegen die Ohnmacht.

Vielleicht ist das die stärkste Botschaft dieser Bewegung: Solidarität ist nicht nur ein Wort aus politischen Reden – sie lebt im Alltag, zwischen den Regalen von AGORAé, bei den Essensausgaben von Coasalim und in den kleinen Gesten zwischen Studierenden, die einander auffangen.

Am Ende bleibt die Frage: Wenn die, die am wenigsten haben, bereit sind, miteinander zu teilen – was hindert die Politik daran, es ihnen gleichzutun?

Autor: C.H.

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